Ein Lykisches Abenteuer

509 Kilometer, geschätzte 25'000 Höhenmeter, mehr als 50 antike Stätten, vom grossen umzäunten Ausgrabungsgelände bis hin zum im Unterholz versteckten Steinsarkophag, unzählige Ortschaften, von der pulsierenden Millionenmetropole Antalya ganz im Osten über quirlige Ferienorte bis hin zu kleinen, teils fast vergessenen Berg- und Fischerdörfern. Eckdaten des Lykischen Wegs, einem markierten Fernwanderweg im Südwesten der Türkei, der 1999 von der Engländerin Kate Clow ins Leben gerufen wurde und ein grosses Abenteuer verspricht.

 

Türkei
Türkei

 

Seit jeher vom geschichtsträchtigen östlichen Mittelmeerraum und intensiven Naturerleben fasziniert und von Abenteuerlust gepackt, machte ich mich im Herbst 2009 auf, diesen Weg zu erkunden. Im Gepäck eine sorgfältig ausgewählte und erprobte Trekkingausrüstung, zwei Monate Zeit und eine ungefähre Vorstellung von dem, was ich erreichen möchte, jedoch weder einen genauen Zeitplan noch ein Rückflugticket. Und genau diese Mischung aus ungeschriebenem Verlauf und grenzenloser (Entscheidungs-) Freiheit, zusammen mit vielen herzlichen Kontakten zur lokalen Bevölkerung inmitten einer atemberaubenden Landschaft zwischen Bergen, Meer und archäologischen Stätten, werden die Einzigartigkeit und Unvergesslichkeit dieser Reise ausmachen.

 

Des Öfteren wurde ich auf den Charakter dieser Reise angesprochen. Es handelt sich ganz klar um keine Extremtour. Die Zivilisation, oder zumindest Spuren davon, sind selten wirklich weit vom meist gut markierten Weg entfernt. So habe ich jeden Tag teils sehr (gast-) freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen und mit wenigen Ausnahmen Siedlungen passiert. Mindestens alle 24 Stunden, meist jedoch wesentlich öfter, konnte ich Trinkwasser aufbereiten, auch war es fast jeden Tag möglich, Proviant zu beschaffen. Die physische Belastung ist für einen gesunden, durchschnittlich bis gut trainierten Menschen problemlos zu bewältigen. Nicht zuletzt gilt der Südwesten der Türkei derzeit politisch und kriminalistisch als weitgehend sicher - man möchte sich das florierende Geschäft mit dem Tourismus nicht verderben.

Jedoch dürfen die Herausforderungen, die der Lykische Weg an seine Begeher stellt, keinesfalls unterschätzt werden. Allzu oft wird in der einschlägigen Literatur ein zu romantisches Bild eines solchen Unterfangens skizziert. Neben der zu bewältigenden Distanz und den Höhendifferenzen ist vor allem die Beschaffenheit des Wegs anspruchsvoll. Der Untergrund ist oft steinig und überwachsen. Abgründe und - speziell wenn man alleine unterwegs ist - Abgeschiedenheit könnten bei einem Sturz das Leben kosten. Obwohl meist gut markiert, kann die Orientierung auf dem Weg zuweilen erschwert sein. Für einen nicht ausgesprochen sonnengewöhnten Mitteleuropäer ist die südtürkische Sonne selbst im September sehr stark, somit die Hitze gross. Das Gewicht einer Vollausrüstung drückt schwer auf die Schultern. Man wird zwangsläufig mit der Fauna konfrontiert und macht unter Umständen Bekanntschaft mit nicht immer rücksichtsvollen Jägern und Hirtenhunden mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt. Ferner müssen täglich geeignete Quellen für Wasser, Proviant sowie Übernachtungsmöglichkeiten gefunden werden, welche nicht selten rudimentär sind. Es gilt gewisse Vorsichtsmassnahmen punkto Gesundheit zu treffen. Nicht zuletzt kann die Einsamkeit in der Natur, aber auch in der Menge, eine ungewohnte Erfahrung sein. Bei der Begehung des Lykischen Wegs wird man folglich kaum vermeiden können, sich gelegentlich jenseits der Komfortzone zu bewegen - ein gutes Übungsfeld für geistige und körperliche Flexibilität und Pragmatismus.

 

Für wen könnte nun die Lektüre dieses Reiseberichts interessant sein? In erster Linie habe ich für mich selber geschrieben. Ich hatte das Bedürfnis, die mehr als 1'700 Fotos nicht einfach auf der Festplatte verstauben zu lassen, sondern sie in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen und in einen Kontext einzubetten, als etwas Bleibendes dieser Reise neben meinen Erinnerungen. Allein das Schreiben eines solchen Berichts, obwohl unerwartet zeitaufwändig, ist ein Erlebnis. Selten sass ich derart gebannt vor dem PC, wobei ich die Reise nochmals bequem vom Bürostuhl aus durchleben konnte.

Ich habe es nicht nur im Sinne der Vorbereitung genossen, im Vorfeld informative Reiseberichte zu lesen. So hoffe ich vielleicht auch zukünftigen Wanderern ein paar Anhaltspunkte sprichwörtlich mit auf den Weg zu geben. Allerdings sucht man vergeblich nach Angaben zu Wegverlauf, Distanzen, Zeiten, Wasserstellen etc. Informationen dieser Art sind aufgrund der intensiven Bautätigkeit eh nur von temporärer Gültigkeit und können im regelmässig aktualisierten Standardwerk zum Lykischen Weg (vgl. Abschnitt zur Vorbereitung weiter unten) nachgelesen werden. Ein Hinweis jedoch gleich an dieser Stelle. Falls Interesse geweckt wird, sich auf den Lykischen Weg zu begeben, dann nicht zu lange warten. Dieser Ratschlag ist nicht ausschliesslich vor dem Hintergrund des Pathos’ „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ zu verstehen, sondern hat auch praktischen Charakter: „The bulldozers are forever active!“, wie so treffend von einem Vorwanderer geschrieben wurde. Verstädterung, Landflucht und Kommerzialisierung haben bereits heute irreversibel Einzug gehalten und ich wage zu bezweifeln, ob der Lykische Weg seine unvergleichliche Schönheit und Ursprünglichkeit über weite Strecken in die Zukunft retten kann.

Schliesslich hoffe ich mit diesem Bericht all jenen Einblick zu gewähren, die ganz einfach wissen möchten, wo ich mich im Herbst 2009 so rumgetrieben habe.

 

Nun wünsche ich dir - liebe Leserin, lieber Leser - viel Spass bei der Lektüre. Über Anregungen, Rückmeldungen und Fragen freue ich natürlich jederzeit (à Kontakt).

 

Vorbereitung

Die konkrete Idee, den Lykischen Weg zu bewandern, ist im Sommer 2008 nach einer Sendung vom Schweizer Fernsehen, Fernweh - Rund ums Mittelmeer mit Mona Vetsch, entstanden. Im Zusammenhang mit einer beruflichen Veränderung realisierte ich eine Auszeit und schuf damit einen zeitlichen Rahmen für die Reise von gut zwei Monaten im Herbst 2009. Die anfänglich sporadischen, später intensiven Vorbereitungen erstreckten sich über etwa ein Jahr.

 

Allgemeine Reiseplanung und –vorbereitung:

Mit dieser Reise wollte ich ganz bewusst einen Kontrapunkt zum durchgeplanten Alltag setzen und habe deshalb weder eine detaillierte Routen- noch Zeitplanung gemacht. Nach der Lektüre des  Buchs  „The Lycian Way“ von Kate Clow (aktuell in der 3. Auflage, erschienen im Upcountry Verlag, ISBN: 978-0-9539218-6-7) sowie etwas Recherche im Internet (erwähnenswert sind die Seiten von Kate Clow , Peter Lill  und David Carter) habe ich entschieden, nach Antalya zu fliegen, mit dem Bus nach Fethiye zu fahren und dem Lykischen Weg von West nach Ost zu folgen, solange ich motiviert bin und mein Körper mitspielt. Konsequenzen daraus waren, dass ich die Rückreise sowohl örtlich als auch zeitlich offen liess und die Ausrüstung entsprechend vielseitig sein musste.

 

Von der Idee her sollten mehr das Erlebnis und das Geniessen denn die sportliche Leistung im Vordergrund stehen, was den verhältnismässig langen Zeitrahmen erklärt. Ich wollte die eigentliche Reise bewusst mit relativ kleinem Budget bewältigen. Abgesehen davon, dass es schwierig ist, einen Reisepartner für ein solches Unterfangen zu finden, wollte ich bewusst alleine aufbrechen.

 

Ohne Zweifel sind Grundkenntnisse der türkischen Sprache hilfreich für unterwegs, da ausserhalb der Touristenzentren wenig Fremdsprachenkenntnisse anzutreffen sind. Doch zählt sie nicht gerade zu den einfachsten, da kaum Verwandtschaft zur deutschen, englischen oder den lateinischen Sprachen besteht. So war ich im Vorfeld zu bequem zum Erlernen, habe aber ein kleines Wörterbuch eingepackt und mir die wichtigsten Begriffe unterwegs angeeignet.

 

Bei einem Besuch im Schweizerischen Tropeninstitut Basel ein paar Monate vor Abreise liess ich meinen Impfschutz komplettieren und mich über gesundheitliche Risiken im Zielgebiet informieren. Das Risiko sich mit Tollwut zu infizieren ist klein, so verzichtete ich auf diese kostspielige Impfung. Mir wurde allerdings eingebläut, dass es sich um eine tödliche virale Krankheit handelt und ich nach jeglichem Tierbiss oder -kratzer innerhalb von 24 Stunden einen Arzt für eine post-expositionelle Impfung aufsuchen muss. Ebenfalls gab es in den letzten Jahren Fälle des Krim-Kongo Fiebers in der Türkei. Dabei handelt es sich um eine virale, Ebola-ähnliche Krankheit, die in der Hälfte der Fälle tödlich verläuft und durch Zecken übertragen wird. Eine Impfung existiert nicht, aber auch hier ist das Risiko gering. Auf der gesamten Reise habe ich weder Zecken eingefangen noch davon gehört. Antibiotika sind in der Türkei rezeptfrei erhältlich. Also liess ich mir die wichtigsten Wirkstoffe aufschreiben, damit ich im Notfall entsprechende Medikamente kaufen könnte.

 

Physische Kondition:

Ich verfüge bereits über eine gute Grundkondition sowohl im Kraft- als auch im Ausdauerbereich. Vorbeugend habe ich beim Krafttraining Nacken und Schultergürtel etwas spezifischer trainiert und bin regelmässig mit meinem Junior in der Kindertrage spazieren oder wandern gegangen. Dabei konnte ich mich gleichzeitig an die bereits gut eingelaufenen Wanderschuhe und das Gehen mit Wanderstöcken gewöhnen.

 

Ausrüstung:

Das Zusammenstellen einer tauglichen Ausrüstung hat mit Abstand am meisten Zeit verschlungen. Ich brachte wenig Outdoor-Erfahrung mit. Folglich musste ich fast die gesamte Ausrüstung neu anschaffen und da kommt einiges zusammen. So verbrachte ich unzählige Stunden mit dem Studium von entsprechenden Internetseiten sowie der Kataloge von Transa, Bächli Bergsport und Veloplus und noch mehr Stunden in den entsprechenden Geschäften. Die ganze Ausrüstungsliste an dieser Stelle im Detail durchzusprechen würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Auch gibt es zahlreiche Philosophien und individuelle Parameter, die bestimmen, was auf einer solchen Liste stehen muss und was keinesfalls. Gerne stelle ich meine nachträglich überarbeitete Liste als Anhaltspunkt für die Erstellung einer eigenen Liste zur Verfügung. Ich habe kategorisiert, erstens was aus meiner Sicht unerlässlich ist, zweitens was ich eingepackt aber nicht verwendet habe, jedoch bei nur geringfügig veränderten Bedingungen nicht hätte missen wollen und drittens Luxus- und Komfortartikel.

 

Das Gewicht am Rücken ist tatsächlich ein entscheidender Faktor punkto Wandergenuss. Jedes Kilogramm zählt. Es gilt der Grundsatz: „Soviel wie unbedingt nötig, aber so wenig wie möglich einpacken“. Ich habe mir bei jedem Gegenstand die beiden folgenden Fragen gestellt:

  1. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich ihn wirklich benötige?
  2. Wenn der Gegenstand wichtig aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn benötige, gering ist: Kann ich anderweitig improvisieren oder kann ich ihn unterwegs besorgen?

 

Mein reisebereiter Rucksack wog ca. 17 kg. Dazu kamen Wasser und Proviant. Je nach Gegebenheiten der bevorstehenden Etappe kam ich so auf ein Gewicht von 20-23 kg am Rücken plus die Dinge, die ich auf Mann trug (GPS, Foto, Stöcke, Kleider, etc.).

 

Nachfolgend ein paar Worte zu den aus meiner Sicht wichtigsten Überlegungen:

  • Zelt & Schlafen: Mit entsprechender Planung und etwas Glück könnte man fast auf dem gesamten Lykischen Weg in Pensionen oder Privatunterkünften übernachten. Doch geht viel vom Reiz und von der Flexibilität verloren, wenn man auf das Übernachten im Freien verzichtet. Es stellte sich mir also die Frage, ob mit oder ohne Zelt draussen zu übernachten. Ich würde auf jeden Fall wieder mit Zelt reisen. Abgesehen davon, dass es in mehreren Nächten geregnet oder vor Moskitos gewimmelt hat, vermitteln die wenige Zehntelmillimeter dicken Zeltwände das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit vor Skorpionen, Schlangen, Wildschweinen, etc. und fördern so den erholsamen Schlaf, was der Leistungsfähigkeit am folgenden Tag zu Gute kommt. Eine gute Schlafmatte ist unverzichtbar. Ich hatte einen leichten Daunenschlafsack (Komfortbereich Männer bis 0° Celsius) dabei, worin ich sehr komfortabel geschlafen habe. Da die Nächte in meinem Fall nie wirklich kalt wurden, hätte ich auch einfach in den warmen Kleidern schlafen können.

     

  • Rucksack: Lieber zu gross als zu klein. Wegen der dornigen Äste sollte alles im Innern Platz finden und das Aussenmaterial sehr widerstandsfähig sein. Auf gute Lastübertragung auf die Hüften achten.

 

  • Schuhe: Festes, hohes Schuhwerk zum Schutz vor Steinen, Unebenheiten, Schlangen, Skorpionen etc. Ich habe Leute in Sandalen und Modestiefeln angetroffen. Aus meiner Sicht fahrlässig.

 

  • Kleidung: Individuell und abhängig von der Jahreszeit. Die Nächte wurden teilweise kühl aber selbst in höheren Lagen nie wirklich kalt. Regen- / Windschutz selten gebraucht. Auf UV-dichte und schnelltrocknende Stoffe achten. Die Sonne ist stark und man schwitzt unentwegt.

 

  • Wasserfilter: Möglicherweise kommt man mit einem Wasserdesinfektionsmittel aus. Aufgrund des Verschmutzungsgrads von Zisternen und anderen Quellen war ich jedoch gelegentlich froh, das Wasser filtern zu können. In Zisternen liegt der Wasserspiegel manchmal bis zu zehn Meter in der Tiefe und nicht immer ist ein Schöpfgefäss vorhanden. Ein kleiner leichter Kunststoffkessel, in den man zur Beschwerung einen Stein legt, und entsprechend viel Schnur leisten gute Dienste in solchen Fällen.

 

  • Wasser und Proviant: Davon hatte ich meistens zu viel im Gepäck. Aber man weiss eben nie mit Sicherheit, wann man wieder davon aufnehmen kann. Als Notproviant dienten mir Cracker und 200ml Olivenöl, beides mit vorteilhaftem Gewicht- / Energiegehaltverhältnis. Schokolade schmilzt im Rucksack. Zudem hatte ich täglich ein Multivitaminpräparat eingenommen, falls ich mal zu weniger Früchten und Gemüse (beides viel Gewicht) kommen sollte. Einmal täglich habe ich dem Wasser Sportvital (Mineralstoffe) beigemischt, um den enormen Salzverlust durch Schwitzen auszugleichen.

 

  • Kocher: Man kommt ohne aus, wenn man über dem Feuer kocht, was aber wesentlich aufwändiger ist und erst noch die Gefahr eines Waldbrands birgt oder einfach unterwegs kalt isst. Unter freiem Himmel kochen macht zudem Spass und es tut gut, wenn man nach einem harten Tag etwas Warmes zu essen hat oder sich am Morgen rasch einen Tee oder einen Kaffee brauen kann. Auf das richtige Gassystem achten (siehe unten).

 

  • GPS: Für die reine Navigation überflüssig. Einzig für die nachträgliche Statistik interessant oder wenn man unterwegs Geocaches suchen möchte (siehe unten). Ich würde es bei einer nächsten Reise des Gewichts und der Einfachheit halber nicht mehr einpacken.

 

Hauptprobe:

Wenn man über wenig Outdoor-Erfahrung verfügt, erscheint es mir sinnvoll, vor einer längeren Trekkingtour zu prüfen, ob man bereit ist. Sonst kann es einem wie dem Wiener ergehen, den ich unterwegs angetroffen habe. Er hat bereits nach dem ersten Tag aufgegeben, weil er nicht in der Lage war, seinen über 30kg schweren Rucksack zu tragen und nicht willens war, seinen überflüssigen Plunder (Konservendosen, Bibliothek) zu verschenken oder nach Hause zu schicken.

 

Ich wollte also im Vorfeld

  • herausfinden, ob ich nicht nur in der Lage war, den vollständig gepackten Rucksack über mehrere Tage zu tragen, sondern ob ich das Wandern dann auch noch geniessen kann oder ob jeder Tag mit völlig verspanntem Nacken und Kopfschmerzen endet.
  • prüfen, ob ein wesentlicher Ausrüstungsgegenstand fehlt oder ob ich etwas zu Hause lassen kann.
  • die wichtigsten Abläufe ein paar Mal üben (Lager auf-/abbauen, Rucksack optimal packen, Wasser aufbereiten, etc.)
  • herausfinden, ob mir eine längere Trekkingtour mit Übernachten im Zelt überhaupt Spass macht.

 

So übernachtete ich im Sommer zuerst eine Nacht zu Hause im nahen Wald und konnte dabei nicht ganz freiwillig das Zelt auf Dichtigkeit prüfen, da es von neun Uhr abends bis zehn Uhr am nächsten Morgen ununterbrochen geregnet und gestürmt hat. Wenig später bin ich zu einer fünftägigen Tour in der Südschweiz aufgebrochen. Von Airolo aus via Passo del Naret zur Quelle der Maggia und dann deren Verlauf folgend bis fast zur Mündung am Lago Maggiore. Dabei habe ich viermal im Zelt übernachtet - dreimal wild und einmal auf einem Campingplatz. Abgesehen davon, dass es ein wunderschönes Erlebnis war, konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln und meine Ausrüstung optimieren.

 

Reisebericht

Tag 1, Sonntag, 30. August 2009

Basel / Antalya / Fethiye

Lange habe ich auf diesen Augenblick hingearbeitet und plötzlich ist es dann soweit. Auf dem Flughafen in Basel verabschiede ich mich von meinen Liebsten und verbringe voller Vorfreude und mit etwas Wehmut zugleich noch eine Stunde des Wartens. Der Flieger hebt pünktlich ab. Aufgrund meines Outfits - schwere Wanderschuhe und Trekkinghemd - ernte ich zuweilen ein paar verwunderte Blicke von meinen wohl meist pauschalreisenden all-inclusive Mitpassagieren. Aber daran werde ich mich gewöhnen, denn Trekking wird in der Türkei sowohl bei der einheimischen Bevölkerung als auch bei Touristen falls überhaupt höchstens als Randerscheinung wahrgenommen. Durchs Flugzeugfenster habe ich einen spektakulären Blick auf die Dardanellen-Strasse - womit ich Europa verlasse. Wir fliegen weiter über Westanatolien. Das Land erscheint trocken in blassem grau und hellbraun. Bisweilen tauchen Seen und Gebirgszüge auf und verschwinden wieder am Horizont.

 

Nach der Landung begrüsst mich die hochsommerliche Hitze und erleichtert nehme ich meinen Rucksack vom Gepäckband - auch die Ausrüstung ist heil angekommen. Da ich eine Busfahrt in die Nacht vermeiden möchte, hatte ich mich entschieden, in der Altstadt von Antalya zu übernachten und erst morgen die ca. vierstündige Überfahrt westwärts nach Fethiye zu machen. Ich verlasse also das Flughafengebäude und mache mich im Sinne des Low-Budget-Charakters meiner Reise am Taxistand vorbei auf die Suche nach dem Bus ins Stadtzentrum, welcher gemäss meinen Reiseführern existieren soll. Es stehen unzählige Busse bereit, doch diese bringen allesamt die Pauschaltouristen in die grossen Urlaubszentren meist östlich und teils westlich von Antalya. Erst nach wiederholtem Nachfragen glaubt jemand zu wissen, dass der Stadtbus gleich ausserhalb des Flughafengeländes auf der anderen Strassenseite bei einem Polizeigebäude in ca. einer halben Stunde hält. Ich mache mich also auf zum besagten Ort und als ich da so stehe, kommt mir ein junger Türke in Uniform, wie sie das Bodenpersonal von Fluggesellschaften trägt, entgegen. Auf die Frage, ob ich hier richtig sei, meint er, er hätte jetzt Dienstschluss und er könne mich in seinem Wagen mitnehmen. Interessiert fragt er mich über den Grund meines Besuchs in der Türkei aus. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich auf dem Lykischen Weg von Fethiye nach Antalya wandern möchte. Er scheint das Konzept vom Wandern jedoch nicht zu verstehen. Er meint auch, dass jetzt immer noch Hochsaison sei und ich ohne Reservierung bestimmt kein Zimmer in der Altstadt bekomme. Er habe jedoch Bekannte, die ein Hotel etwas ausserhalb führen und bestimmt noch ein Zimmer frei hätten. Bereits greift er zum Handy und ruft dort an. Ich weiss natürlich, dass das Unsinn ist und halte an meinem Plan fest. Beiläufig erwähnt er dann, dass wir gerade den Otogar (Busterminal) passieren, von wo aus die Busse nach Fethiye fahren. Geistesgegenwärtig disponiere ich blitzschnell um und sage ihm, da ich nun schon mal hier bin, fahre ich gleich heute noch nach Fethiye. Er parkt seinen Wagen und begleitet mich zum Schalter, wo ich das Ticket kaufe. Schliesslich musste ich regelrecht darauf bestehen, ihm diesen Taxiservice zu entgelten. Dies war mein erster Kontakt mit der grossartigen türkischen Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, aber auch mit deren Geschäftstüchtigkeit.

 

Nach kurzem Warten fährt der mittelgrosse, etwas in die Jahre gekommene Bus Richtung Westen los. Somit lasse ich Antalya sprichwörtlich erst mal links liegen. Die Strasse beginnt sich schon nach wenigen Kilometern sanft in die Berge hochzuwinden. Ein freundlicher Angestellter der Busgesellschaft verteilt Getränke und kleine Snacks. Die Landschaft wird karger und beidseits türmen sich hohe Berge. Fast unmerklich klettert die Strasse auf über 1500 Meter. Der Bus hält unterwegs zweimal und Markthändler bieten unaufdringlich ihre Ware an. Nach zweihundert Kilometern und etwas mehr als dreieinhalb Stunden - es ist mittlerweile kurz vor neun Uhr abends und bereits stockfinster - komme ich in Fethiye an. Rasch erklärt man mir, wo der Dolmus (Minibus, praktisches Nahverkehrsmittel) ins Stadtzentrum fährt. Dort angekommen mache ich mich sofort auf die Suche nach einer Unterkunft. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde und des Hungers bin ich nicht sehr wählerisch und entscheide mich für eine einfache Pension (Monica’s Place, freundlicher Service, Zimmer sehr einfach, Preis-Leistung mittelmässig). Nach einem ausgiebigen Dinner falle ich bald in den Schlaf.

Tag 2, Montag, 31. August 2009

Fethiye / Ölü Deniz

Heute Vormittag steht Shopping auf dem Programm - es fehlen mir noch einige wenige Ausrüstungsgegenstände sowie Proviant. Ich gehe also erst mal - wie könnte es anders sein - in die Migros. Gemäss Wikipedia wurde die Migros Türk 1954 als Tochterunternehmen der Migros Schweiz gegründet und ist heute die grösste Supermarktkette in der Türkei. Sie wurde 1974 unabhängig, durfte jedoch den Namen und die Migros-Merkmale weiter führen. Wie in der Migros Schweiz gibt es M-, MM- und MMM-Supermärkte und das Logo entspricht dem der Schweizer Migros aus den 1980er Jahren (abgesehen vom "i" mit Punkt). Die Produkte unterscheiden sich doch gänzlich von denen zu Hause. So sucht man beispielsweise vergeblich nach M-Budget. Auch fragt niemand beim Bezahlen nach der Cumuluskarte.

 

Weiter benötige ich noch eine Gaskartusche für meinen Camping Gaz Kocher. Von vier recherchierten Adressen, an welchen Gas verkauft wird, scheinen zwei gar nicht (mehr) zu existieren. Die andern beiden verkaufen nur Stechkartuschen. Ich könnte zwar günstig einen kompatiblen Kocher kaufen, entscheide mich jedoch wegen des zusätzlichen Gewichts dagegen. Ich beschliesse zu improvisieren und falls nötig auf offenem Feuer zu kochen. Und dann taucht ganz unerwartet ein kleiner schicker Outdoorladen auf und zu meiner grenzenlosen Freude steht die gesuchte hellblaue Gaskartusche im Schaufenster, übrigens die einzige, die ich in der ganzen Türkei sehen werde. Dieses Geschäft ist bestimmt auch eine gute Adresse, falls man Ersatz für einen essentiellen Ausrüstungsgegenstand benötigt.

 

Schliesslich muss ich endlich noch ausreichend Lokalwährung beschaffen, denn entgegen den Beteuerungen der Schalterangestellten auf den Banken zu Hause ist die Neue Türkische Lira (Yeni Türk Lirasi, YTL) das gebräuchliche Zahlungsmittel in der Türkei. Lediglich in den grösseren Städten und touristischen Orten werden Euro, Pfund oder US-Dollar akzeptiert oder gar bevorzugt. Rückblickend ist aus meiner Sicht die beste Zahlungsmittelstrategie, ein paar YTL mitzubringen, falls man zu Hause eine Bank findet, die diese Währung verkauft und dann beim ersten Geldautomaten in der Türkei einen möglichst grossen Betrag (in der Regel waren 1000 YTL möglich, dies entspricht ca. 500 Euro) abzuheben. So erhält man wahrscheinlich den besten Wechselkurs, welcher selbst die Maestrogebühr wettmacht.

 

Fethiye ist zwar eine recht sympathische, gemütliche und nicht sehr touristische Stadt und lädt zum Verweilen ein. Mich zieht es jedoch jetzt an den Strand und davon gibt es im nahen Umland wohl einen der schönsten der ganzen Türkei: Die bekannte Traumlagune von Ölü Deniz (Totes Meer). Bevor ich mit der Wanderung starte, beschliesse ich mich erst noch zwei Tage zu akklimatisieren. Ich hole also den Rucksack in der Pension ab, begebe mich zum Dolmus-Bahnhof und steige in den ersten Minbus mit der Aufschrift „Ölü Deniz“. Daraufhin meint der Fahrer, dieser Bus fahre erst in zwei Stunden. Ich solle doch in der Lokanta (einfaches Restaurant) dort drüben noch einen Lunch zu mir nehmen. Ich lehne dankend ab und steige einfach in den Bus dahinter, denn die Verbindung wird alle 5-7 Minuten bedient. Die Dolmus-Fahrer scheinen auf Provisionsbasis zu arbeiten: Je mehr Fahrgäste, desto mehr Verdienst. Sie fahren jeweils im Schritttempo durch die Strassen und hupen jeden Fussgänger kurz an. Ausserort geben sie dann aber ordentlich Gas. Die halbstündige Fahrt führt durch die ein paar Kilometer vom Meer entfernten Touristenorte Ovacik und Hisarönü - englisches Besatzungsgebiet. Preise sind in Pfund angegeben, Fussballpubs und Teahouses säumen die Strassen. Ölü Deniz selber ist zwar immer noch sehr britisch und touristisch, aber insgesamt ganz sympathisch. Ich mache mich auf die Suche nach einem Campingplatz und man weist mich in westliche Richtung, „two-to-three-hundred-meters“. Diese und weitere Erfahrungen mit Distanzangaben von Einheimischen lehren mich, das Gesagte immer mit fünf zu multiplizieren. Nach ca. einem Kilometer treffe ich im Sugar Beach Club ein, der direkt an der Lagune liegt. Das Campingareal ist sehr klein und im Schattenwurf jedes der wenigen Bäume steht bereits ein Zelt. Ich entscheide mich deshalb, ein so genanntes Treehouse, Basic Variante zu mieten. Ich treffe in den nächsten Wochen immer wieder auf diese Art der Unterkunft. Meist handelt es sich hierbei nicht etwa um Baumhütten, sondern in der Regel um eine Holzbaracke, ähnlich einem Gartenhaus, oder in einer luxuriöseren Ausführung um ein kleines Chalet. Das vorliegende Exemplar verdient das Prädikat „Basic“ zu Recht. Das gesamte Mobiliar besteht aus zwei aufeinander geschichteten Matratzen und einem Regal. Aber die Veranda ist sehr gemütlich und nach zweimaligem Nachfragen erhalte ich noch einen Tisch und einen Stuhl dazu.

 

Bereits wenige Minuten nach meinem Einzug lerne ich meine Nachbarn kennen, zwei junge Türken. Wie ich mit etwas Verwunderung feststelle, scheint jedem männlichen Türken mein Vorname so geläufig zu sein, wie etwa Ali, Mustafa oder Ibrahim. „Ah, Pascal, like Pascal Nouma“. Ich lerne - der Fussball-versierte Leser möge mir meine Unwissenheit verzeihen -  dass es sich bei meinem Namensvetter um einen ehemaligen französischen Fussballspieler handelt, der einst in der Türkei spielte. Bekannt wurde Nouma durch einen spektakulären Handgriff: Der Vertrag mit Besiktas Istanbul wurde im April 2003 aufgelöst, nachdem er seinen 1:0-Siegtreffer gegen den Lokalrivalen Fenerbahce mit einem tiefen Griff in seine Hose gefeiert hatte. Die Geste sei jenseits aller türkischen Bräuche und Traditionen, begründete die Vereinsführung den Rauswurf. Pascal Nouma war seiner Zeit bei den Besiktas-Fans so beliebt, dass sie sogar Fangesänge für ihn produzierten, die ich noch bei verschiedenen Gelegenheiten zu hören bekomme. Wie z. B. „Fransa'da dogdu, Besiktaslı oldu, helal olsun sana, Pascal Nouma“, übersetzt: „Er ist in Frankreich geboren, ist Istanbuler geworden, Gott Segne dich Pascal Nouma“. Noch ein populärer Gesang ist: „Pascal bizi diskoya götür“, übersetzt: „Pascal, bring uns in die Disco“, wegen seinen Eskapaden in den Discos von Istanbul und seinem Nachtleben. Im übernächsten Treehouse logiert ein sehr netter älterer Holländer mit einer bewegten Lebensgeschichte. Adam hat sich gleich für mehrere Wochen eingemietet.

 

Das Wasser in der Lagune ist seicht und ruhig wie in einem See und hat Badewannentemperatur. Ich durchquere die hier wenige hundert Meter breite Lagune schwimmend und besichtige die so genannte Sandnase. Ein wirklich herrlicher Strand, nur leider ziemlich gut besucht. Und genau wie in den Prospekten schimmert das Wasser in den verschiedensten Blautönen.

Tag 3, Dienstag, 1. September 2009

Ölü Deniz

Ölü Deniz ist weltweit bekannt als einer der Top Spots für Gleitschirmflüge und so entschliesse ich, mich heute auf "neues Terrain" vorzuwagen und einen Tandemflug zu buchen. Das beste Unternehmen unter den unzähligen Anbieter zu identifizieren ist gar nicht einfach. Ich lasse mir auf dem Campingplatz eine Empfehlung geben. Sky Sports  seien die professionellsten vor Ort. Die Piloten seien allesamt nach europäischen Normen zertifiziert, die Ausrüstung würde jedes Jahr komplett erneuert und das Unternehmen verfüge über eine angemessene Versicherung. Jedoch müsse man hier etwas mehr berappen. Ich spreche mit den Jungs und der Laden macht einen seriösen Eindruck. Besonders gefällt mir ihr Leitspruch:

 

For once man has tasted flight

He will forever walk the earth with eyes turned skywards.
For there he has been and there he longs to return.

Leonardo Da Vinci

 

Adam, mein Nachbar, früher selber Gleitschirmpilot und auch hier in Ölü Deniz schon oft gesprungen, hat mich begleitet und sein Daumen zeigt nach oben. So buche ich für heute Nachmittag einen Flug.

 

Um 15h werden wir mit einem offenen Geländewagen abgeholt und die Fahrt geht hoch über eine zunehmend schlechter und steiler werdende Staubpiste entlang den Flanken des 2000 Meter hohen Baba Dag. Zweimal bleibt der Wagen sogar im losen Geröll stecken und muss zurücksetzen, um Anlauf zu holen, während auf der einen Seite der Abgrund klafft. Nach dreiviertelstündiger Fahrt komme ich etwas verstaubt und mit flauem Gefühl im Magen auf 1700 Metern an, unserer Startplatz. Ich bin erleichtert, dass ich nach unten fliegen darf und nicht mehr in den Wagen steigen muss. Die Aussicht ist grandios doch bleibt nicht viel Zeit, sie zu geniessen. Jetzt geht es rasch: Helm und Gurten anziehen, bei Hasan, meinem Piloten, einklinken und noch ein paar Instruktionen: „Laufen, laufen, laufen bis ich sage OK.“ Schon geht der Wind in den Schirm, dieser steigt hoch und nach 3-4 Schritten sind wir in der Luft. Sanft und völlig lautlos schweben wir vom Hang weg, der Boden unter mir entfernt sich rasch. Die Ausblicke sind herrlich, ein unbeschreibliches Gefühl. Unter mir sehe ich den Lykischen Weg, wo ich morgen laufen werde. Hasan erkundigt sich regelmässig nach meinem Befinden und als er merkt, dass ich entspannt bin, übergibt er mir die Lenkung. Er ist der Meinung, dass ich noch mehr ertragen könne und schlägt etwas Luftakrobatik vor, weisst mich aber darauf hin, dass wir dabei rasch an Höhe verlieren und der Flug sich entsprechend verkürzt. Ich willige ein und schon legt er den Schirm in eine scharfe Kurve und wir beginnen zu kreisen. Ich sehe unseren Schirm unter uns. Die Fliehkräfte sind enorm, besser als jede Achterbahn. Schliesslich beginnt der Landeanflug über die Dächer von Ölü Deniz und nach ca. 35 Minuten, die im wahrsten Sinne wie im Fluge vergangen sind, landen wir ganz sanft direkt auf der Strandpromenade, wo zwei Helfer bereit stehen. Ein unvergessliches Erlebnis und jeden der ca. 85 Euro wert. Nach dem Flug werden alle Passagiere noch eingeladen, um sich die Fotos anzuschauen, die der Pilot während des Fluges geschossen hat und die bei der Landung vom Boden aus gemacht wurden. Die Bilder sind zwar gut, aber die verlangten 50 Euro finde ich doch etwas überrissen, zumal ich unterwegs selber Bilder aufgenommen habe.

 

Sehenswert wäre das nahe gelegene Kayaköyü, eine alte griechische Siedlung, die ich leider nicht besucht habe. Im Rahmen eines Bevölkerungsaustausches nach dem türkischen Befreiungskrieg 1922 wurden die hier lebenden Griechen auf den Peloponnes umgesiedelt. Der Ort wurde aufgegeben und verwandelte sich in eine Geisterstadt, dem das verheerende Erdbeben 1957 den Rest gab. Es ist auch möglich, den Lykischen Weg bereits in Fethiye - und nicht erst in Ovacik - zu beginnen und via Kayaköyü nach Ölü Deniz zu wandern.

 

Ich beschliesse den Tag mit dem Vorbereiten meiner Ausrüstung und einem ausgiebigen Dinner. Wer weiss, wann es wieder etwas Ordentliches zu Essen gibt.

Tag 4, Mittwoch, 2. September 2009

Ölü Deniz / Ovacik / Faralya

Der Wecker holt mich um 5h45 aus den Träumen. Es dämmert bereits. Frühstück. Check-out. Ich steige in einen der ersten Minibusse und lasse mich von Ölü Deniz in wenigen Minuten nach Ovacik fahren. An einer ganz und gar nicht malerischen Strassenkreuzung verlasse ich den Bus, aber es besteht kein Zweifel, hier geht’s zum Lykischen Weg. Nach wenigen hundert Metern sehe ich dann auch den offiziellen Startpunkt.

 

Der Lykische Weg begrüsst seine Begeher gleich mit einem fordernden Anstieg von ca. 500 Höhenmetern, welchen ich glücklicherweise im Schatten zurücklegen kann - das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Die Ausblicke zurück auf die Lagune sind toll. Der Weg führt durch eine schöne Berglandschaft und zwei kleine Siedlungen. Ich treffe eine junge Familie aus Israel, abgesehen von zwei Dorfbewohnern die einzigen Menschen, die ich heute unterwegs treffen werde. Die Eltern sind mit ihrem zweijährigen Sohn auch auf dem Lykischen Weg unterwegs. Der Vater trägt ihn in einer Kindertrage während die Mutter die Ausrüstung schleppt. Ich werde auf einen Tee eingeladen. Kurz vor Faralya gehe ich noch auf die Suche nach einem Geocache (GC12K43, The LYCIAN Way - Watermill) und finde ihn rasch. Es gibt um die 15 Geocaches im Gebiet der Lykischen Küste, einige davon sogar direkt am Lykischen Weg.

 

Die Hitze und Sonneneinstrahlung sind gross, das Wandern unter der Last des Rucksacks ist anstrengend und mit enormem Wasserverlust verbunden. Ich erreiche Faralya etwas erschöpft am frühen Nachmittag. Die Quartiersuche gestaltet sich einfach, die Auswahl ist klein. Onur erlaubt mir, mein Zelt im Garten seiner Pension aufzuschlagen (Onur Motel, sehr netter junger Besitzer, Essen und Preis-Leistung exzellent). Eine weitere Empfehlung in Faralya sei das George House. Ich entspanne mich erst mal bei einem Eistee auf seiner gemütlichen und luftigen Veranda.

 

Nachdem ich mich etwas erholt habe, beschliesse ich baden zu gehen. Der Ort ist bekannt für das Butterfly Valley, eine kleine Bucht mit der dahinter liegenden Ebene, die sich von steilen Felswänden gesäumt rasch zu einer engen Schlucht verjüngt. Faralya selber liegt jedoch auf ca. 300 Metern über Meer. Gemäss meinen Reiseführern ist der Weg zum Meer hinunter schwierig und es wären schon Leute zu Tode gestürzt. Tatsächlich führt der Weg über enge Pfade entlang tiefer Abgründe und teils klettert man sogar an Seilen steile Felswände hinunter. Der Leichtsinn einiger Touristen erklärt auch gleich, weshalb es hier immer wieder zu tödlichen Unfällen kommt: Gutes Schuhwerk ist unverzichtbar, doch treffe ich unterwegs Leute in Flip-Flops. Andere versuchen, den Abstieg mit einem Hund zu machen, den sie tragen müssen.

 

Die Bucht ist einmalig schön. Der Strand zählt zu den schönsten, die ich auf meiner Reise sehen werde. Aufgrund des anstrengenden Abstiegs könnte man meinen, dass hier unten Einsamkeit herrscht. Doch liegt die Bucht nur wenige Schiffsminuten von Ölü Deniz entfernt. Auch kann man sich hier in Zelten einmieten. Wild campen ist verboten, da es sich um ein Naturreservat handelt. Nachdem ich ein ausgiebiges Bad genossen habe wandere ich durch die Ebene und besichtige das eigentliche Schmetterlingstal. Danach nehme ich den Anstieg zurück nach Faralya in Angriff. Oben angekommen, werde ich mit einem prächtigen Sonnenuntergang belohnt.

 

Nun wird mir auch zum ersten Mal seit ich in der Türkei angekommen bin so richtig bewusst, dass ich mich in einem islamischen Land befinde: Der Muezzin ruft - von Lautsprechern hundertfach verstärkt - die Gläubigen zu Tisch. Es ist die Zeit des islamischen Fastenmonats Ramadan, in der Türkei als Ramazan bezeichnet. Zwischen Sonnenauf- und untergang darf der Gläubige weder Essen, Trinken, Rauchen noch Vergnügungen nachgehen. Mein Eindruck ist jedoch, dass dies in der Türkei ziemlich liberal gehandhabt wird. So scheinen sich etliche nicht daran zu halten, besonders beim Rauchen. Auch wurde von mir als westlicher Tourist nie erwartet, tagsüber auf Speisen oder Getränke zu verzichten.

 

Bevor es vollständig eindunkelt, baue ich mein Zelt auf. Danach geniesse ich ein herrliches Dinner auf Onur’s Veranda, während er die Gäste mit geschmackvoller und entspannender Musik von seinem PC verwöhnt. Als ich später im Zelt liege, ruft der Muezzin zuweilen nochmals durch die Nacht. Das Echo hallt gespenstisch von den Felswänden zurück.

 

Es war ein überaus anstrengender Tag. Um meinen Flüssigkeitsverlust zu kompensieren, musste ich ohne Übertreibung achteinhalb Liter Wasser trinken. Rückblickend wäre es vielleicht besser gewesen, den Abstieg ins Butterfly Valley erst morgen zu machen, da die folgende Etappe nach Kabak nur kurz ist und mich stattdessen in Onur’s schöner Garten- und Poolanlage auszuruhen.

Tag 5, Donnerstag, 3. September 2009

Faralya / Kabak

Ich lege die kurze aber schöne Strecke nach Kabak in den Morgenstunden zurück. Unterwegs begegne ich einer Schlange. Sie ist dünn, etwa einen Meter lang und braun-grau. Ich bemerke sie erst, als sie zwei Meter vor mir die Flucht in die Böschung ergreift. Abgesehen von einem weiteren Erlebnis dieser Art begegne ich keiner Schlange mehr. Kurz vor Kabak finde ich noch einen Geocache (GC1H84X, The LYCIAN WAY - Kabak). Ich quartiere mich bei Mamma ein (Mamma’s Pension, Preis-Leistung gut). Irgendwie kommt mir die alte Dame bekannt vor und dann weiss ich auch schon woher ich sie kenne. Die „Fernweh“ Crew vom Schweizer Fernsehen von 2008 hat sich hier niedergelassen und eine kurze Reportage über sie gesendet. Das scheint sie aber heute nicht mehr sonderlich zu interessieren. Sie gibt mir ihr schönstes Zimmer, sonnendurchflutet und freundlich. Eine andere Empfehlung in Kabak sei das Olive Garden. Von Mamma’s Terrasse habe ich einen guten Blick auf den morgen anstehenden Aufstieg von ca. 700 Höhenmetern. Aber selbst bei genauem Hinsehen kann ich am gegenüberliegenden fast senkrechten Bergrücken keinen Pfad ausmachen, höchstens erahnen. Ich lass mich überraschen.

 

Den Nachmittag verbringe ich am Kabak Beach, ein ebenfalls sehr einladender Strand. Am Hang dahinter gibt es verschiedene Camps, wo man sich in Zelten oder einfachen Hütten einmieten kann.

 

Obwohl ich der einzige Gast bin, macht sich Mamma die Mühe und kocht für mich ein leckeres Viergangmenü am offenen Feuer. Danach freue ich mich auf mein Bett, das erste komfortable seit meiner Ankunft. Doch die Nacht wird alles andere als erholsam. Die vielen roten Punkte auf meinen Armen und Beinen und an den Wänden zeugen vom harten Kampf, den ich die halbe Nacht durch mit den Moskitos gefochten habe.

Tag 6, Freitag, 4. September 2009

Kabak / Alinca / Bogazici

Tagwache 5h00. Mamma gibt mir anstelle eines Frühstücks ein überdimensionales Tomaten-Käse Sandwich mit auf den Weg. Abmarsch 6h00 im ersten Dämmerlicht. Von der Pension aus nehme ich die Alternativroute, nicht via Kabak Beach, um nach Delikkaya („Loch im Felsen“) zu gelangen, wo sich die beiden Routen wiedervereinen. Ab hier beginnt der Weg steil anzusteigen, teilweise ist er stark zerfurcht, aber insgesamt gut begehbar. Es herrscht eine spezielle Atmosphäre. Landschaftlich ist dieses Wegstück sehr reizvoll und die Morgenstimmung trägt ihr übriges dazu bei. Unterwegs kommt mir Recep entgegen, ein Türke mittleren Alters. Er pflegt den Garten eines der Camps in Kabak. Er wohnt in Alinca oben hinter dem Pass - ein ordentlicher Arbeitsweg.

 

Kurz vor 10h überquere ich den Pass und treffe bald auf das erste Haus der kleinen Siedlung Alinca. Auf einem Feld neben dem Haus entdecke ich zwei Wanderer, die gerade damit beschäftigt sind, ihr Zelt abzubauen. Cara und Arne, ein nettes Studentenpaar aus Belgien, sind ebenfalls auf dem Lykischen Weg Richtung Osten unterwegs. Die Leute, die hier im Haus wohnen, laden uns zum Frühstück ein. Ich - noch voll vom Riesensandwich - trinke einen Cay (türkischer Schwarztee). Der kleine Junge ist fasziniert von meiner Ausrüstung. Ich gebe ihm meine Fotokamera und er rennt auf dem ganzen Hof herum und fotografiert alles was ihm vor die Linse kommt. Hühner, Hunde, Satellitenschüssel… Danach testet er meine Sonnenbrille, Sonnenhut und Wanderstöcke. Schliesslich fragt er mich, ob er die Dinge behalten darf, worauf ich versuche ihm klar zu machen, dass ich sie noch brauche.


Wir beschliessen gemeinsam aufzubrechen und nehmen den Weg hinunter Richtung Bogazici in Angriff. Er führt meist entlang einer Teerstrasse und bietet schöne Ausblicke runter aufs Meer. Hier im westlichen Teil des Lykischen Wegs findet man sehr viele Bienenstöcke zur Gewinnung des leckeren türkischen Honigs. So kommt es, dass Arne von einer Biene regelrecht attackiert wird. Sie lässt erst von ihm ab, nachdem sie ihren Stachel in sein T-Shirt gestossen hat (welches er glücklicherweise zu jenem Zeitpunkt nicht mehr getragen hat). Oft sind auch die Brunnen und Quellen stark von Bienen, Wespen und anderen Insekten belagert. Ich verhalte mich jeweils ruhig und so komme ich zu Wasser und kann Stiche trotzdem vermeiden. In Bogazici angekommen - die Hitze ist mittlerweile wieder gross - werden wir wieder zu einem Cay eingeladen. Wir gelten als Attraktion im Dorf und viele Leute, vor allem Kinder, schauen vorbei. Schliesslich kaufen wir Proviant im kleinen Laden und schlagen unser Lager kurz nach dem Dorf zu Beginn des Anstiegs nach Sidyma auf herrlichen Terrassen unter Olivenbäumen und Platanen auf. Wasser ist sehr rar hier, lediglich eine tropfende Quelle finden wir vor. Schildkröten scheinen sich in dieser Trockenheit wohlzufühlen. Ich werde auf dem gesamten Weg noch viele davon antreffen.

 

Die Nacht ist angenehm und der Vollmond taucht das ganze Tal in ein Licht, so hell, dass man problemlos wandern könnte. Wir bekommen noch Besuch von einer Wildschweinfamilie. Danach stimmen die Hähne einen Gesang an, von einer Ecke des Tals zur nächsten. Schliesslich stimmen die Hunde mit Gebell ein, was mich aber nicht daran hindert, tief und fest zu schlafen.

Tag 7, Samstag, 5. September 2009

Bogazici / Sidyma / Bel

Ich passe mich dem Rhythmus meiner beiden Mitwanderer an und schlafe bis 8h aus. Nach den weniger erholsamen Nächten zuvor tut dies auch gut. Nach gemütlichem Zusammenpacken und Frühstück gehen wir erst um 10h30 los. Der Weg führt in einem kurzen Anstieg vorbei an Ruinen Richtung Sidyma, eine antike lykische Stätte.

 

Die Hitze ist schon fast lähmend und ich beschliesse, in den kommenden Tagen wieder frühmorgens zu starten. Wie eingangs erwähnt ist für einen nicht ausgesprochen sonnengewöhnten Mitteleuropäer die südtürkische Sonne selbst im September sehr stark, somit die Hitze gross und Wasser oft knapp. Die Gefahr zu dehydrieren, einen Hitzestau oder einen Sonnenstich zu erleiden, ist folglich gross. Ich habe Leute getroffen, die davon betroffen waren, hab aber auch festgestellt, dass man sich teilweise leichtsinnig, schon fast respektlos verhält und schlecht ausgerüstet unterwegs ist. Rückblickend erscheint es mir im Umgang mit der Hitze und der Sonnenstrahlung zumindest im September und in tieferen Höhenlagen am nachhaltigsten und vernünftigsten, wenn man das Gros einer Tagesetappe bis elf Uhr erledigt hat, die heissesten Tagesstunden im Schatten verbringt und evtl. am Nachmittag nochmals etwas wandert. Gegen Oktober hin und in höheren Lagen wurde die Mittagshitze jeweils etwas erträglicher. Gegen die Sonnenstrahlung habe ich mich mit Sonnenbrille, Sonnenhut inkl. Nacken- und Gesichtsschutz, einem langärmligen, UV-dichten Wanderhemd und einer Dreiviertel-Wanderhose geschützt. Unverhüllte Haut habe ich mit einem wasser- und schweissresistenten Sonnenschutz mit Lichtschutzfaktor 25 eingeschmiert. So konnte ich Sonnenbrand und Sonnenstich während der gesamten Tour vermeiden. Das Zusammenspiel von Vorankommen, Kleidung, Witterung und Wasserhaushalt ist schlussendlich jedoch ein Kompromiss, bei dem ein individuelles Gleichgewicht gefunden werden muss. So habe ich beispielsweise einmal versucht, mich mit einer langen, festen Trekkinghose gegen die teils sehr hinderliche und schmerzhafte Macchia zu schützen. Als Folge bahnte sich ein Hitzestau an und mein Wasser- und Mineralstoffverlust war derart gross, dass ich rasch stark ermüdete. Fortan wanderte ich wieder mit meiner leichten Dreiviertelhose und litt halt an zerkratzten Beinen.

 

Zwischen den Ruinen treffen wir auf einen Dorfbewohner, der mit seinem Sohn auf der Jagd ist. Die beiden zählen zur Gattung „freundliche Jäger“ und posieren gerne für ein Foto. Im weiteren Verlauf meiner Reise werde ich noch die Bekanntschaft mit weniger rücksichtsvollen Jägern machen. 

 

In Dodurga werden wir von einer Familie zum Mittagessen eingeladen. Die Mutter kocht am offenen Feuer ein einfaches, fleischloses ausgesprochen leckeres Essen. Wir geniessen die Gastfreundschaft und lassen es uns auf der schattigen Veranda gut gehen. Die Tochter und ein weiterer Dorfbewohner sprechen ein wenig Englisch und so können wir uns etwas mit den Leuten unterhalten. Trotz der Abgeschiedenheit sind die Leute hier an Fremde und Touristen gewöhnt, sicher auch, weil ihr Dorf am Lykischen Weg liegt. Man hat erkannt, dass der Tourismus eine Möglichkeit bietet, das Haushaltseinkommen zu ergänzen. Damit ist oft bei Einladungen - teils diskreter, teils offen - die Erwartungshaltung, dass man für Trinken, Essen und ggf. eine Übernachtsmöglichkeit bezahlt. Ich bin jeweils froh, dass ich mich für die Gastfreundschaft erkenntlich zeigen kann und orientiere mich beim Betrag an einfachen Lokantas bzw. Pensionen.

 

Trotz aller Gemütlichkeit entschliessen wir uns, heute noch etwas Weg gutzumachen und brechen auf. Der Weg führt durch eine schöne Bergwelt zum Dorf Bel (was „Pass“ bedeutet). Im Zentrum steht eine kleine Moschee. Sobald wir das Dorf erreichen, werden wir von einer Kinderschar begrüsst und eingeladen, die Nacht im Dorf zu verbringen. Da es bereits dämmert, nehmen wir die Einladung gerne an. Ich schlage mein Zelt in einem Rohbau auf, während Arne und Cara ein Zimmer beziehen. Man bringt uns Kessel mit warmem Wasser und tatsächlich, man kann sich mit fünf Litern Wasser duschen. Man möchte uns bereits jetzt Essen servieren, doch wir fragen, ob wir zusammen mit ihnen nach Sonnenuntergang Essen dürfen. Die Leute scheinen gerührt ob dieser Anfrage. Das halbe Dorf findet sich bei der Familie ein und verteilt sich auf die verschiedenen Räume des Hauses, das sich grösstenteils noch im Bau befindet. Es werden die unterschiedlichsten Speisen in Schalen auf grossen Platten serviert. Gegessen wird auf Matten am Boden. In einfachen Konversationen erhalten wir Einblicke in das Leben dieser Leute. Ein schönes und unvergessliches Erlebnis.

Tag 8, Sonntag, 6. September 2009

Bel / Gavuragili

Der Tag beginnt früh mit einem echten türkischen Frühstück: Yufka ekmek (Fladenbrot), Honig mit Waben, Peynir (trockener Ziegenkäse), Tomaten-Gurkensalat, Oliven und Sütlac (Milchreis). Gestärkt verabschiede ich mich und mache mich alleine auf den Weg, meine Wanderbegleiter der vergangenen zwei Tage schlafen noch.

 

Der Morgen ist angenehm. Der Weg verlässt das Dorf ostwärts und führt über einen Kamm hin zur Küste. Ein prächtiges Farbenspiel zwischen dem Blau von Meer und Himmel und den Grüntönen der Vegetation präsentiert sich. Der Abstieg zur nächsten Ortschaft Gavuragili ist lang, steil und schwierig. Ich gehe sehr langsam mit grosser Vorsicht. Und dann passiert es doch, eigentlich ganz unspektakulär: Der Untergrund gibt nach, ich rutsche mit dem rechten Fuss nach vorne, lande auf meinem Allerwertesten und verdrehe mir dabei das linke Knie. Ein dumpfer Schmerz schiesst durch das Bein. Sofort wird mir bewusst, dass dies das Ende meiner Reise sein könnte... und der Beginn einer langwierigen Rehabilitation. Fluchend - wohl wissend, dass mich in dieser Abgeschiedenheit eh niemand hört - stehe ich auf und versuche den Schaden am Knie zu erfassen. Der Schmerz hält sich in Grenzen und soweit sehe ich keinen Bluterguss, könnte aber auch eine Folge des Schocks sein. Hier bleiben kann ich nicht, also versuche ich langsam weiterzugehen. Es sind noch etwa drei Kilometer bis einer einsamen Pension. Gavuragili selber ist komplett verlassen.

 

Schliesslich erreiche ich relativ schmerzfrei die Pension, welche von einer hohen Steinmauer umgeben und deren Zugang von einem grossen Eisentor inklusive einer Warnung vor dem Hund geschützt ist. Die ganze Anlage macht eher den Eindruck einer Festung denn eines Gasthauses. Dennoch klingle ich und über die Gegensprechanlage meldet sich der Schlossherr. Dieser meint, es gäbe doch so schöne Zeltplätze etwas weiter unten am Meer, ich solle doch dahin gehen. Ich schildere ihm nochmals meine Situation und erhalte schliesslich Einlass. Der Besitzer ist Türke, der einige Jahrzehnte in Deutschland gelebt hat. Nun hat er sich hier dieses Anwesen gebaut und betreibt hobbymässig diese Pension am Lykischen Weg (Patara Lodge, Preis-Leistung OK). Schliesslich verkauft er mir eine Flasche Wasser und auf seiner Veranda sitzend erzählt er mir allerlei teils haarsträubende Geschichten von unverschämten Gästen. Die Sicht von hier oben ist toll. Ganz im Westen kann man im Dunst die griechische Insel Rhodos ausmachen. Schliesslich mache ich noch Bekanntschaft mit seiner Schäferhündin. Ein prachtvolles Tier sei das, aber sie hätte einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Einmal hätte sie sogar einen Gast ins Bein gebissen, ein Finne, etwa gleich gross wie ich aber mindestens doppelt so breit, wobei ich selber wohl mit 195cm und knapp 90kg auch nicht zu den schmächtigsten Artgenossen zähle. Jedenfalls halte ich mich fortan auf Distanz.

 

Es scheint als hätte ich mir das Übernachtungsrecht verdient und so zeigt man mir mein Zimmer, einen sehr komfortablen Viererschlag mit einem topmodernen Badezimmer. Eventuell müsse ich mir aber das Zimmer mit weiteren Gästen teilen. Und tatsächlich trifft nur wenig später ein Belgier mittleren Alters ein. Ivan, Kriminalinspektor bei der belgischen Polizei, hat die gleiche Reise hinter sich und plant noch bis zum 1. Oktober den Lykischen Weg zu bewandern. Er hat sich ebenfalls kurz vor Abreise eine böse Knieverletzung zugezogen und ist mit entzündungshemmender Salbe ausgerüstet, von welcher er mir hilfsbereiterweise etwas überlässt. Nachdem ich dem Knie etwas Ruhe gegönnt habe, beginnt sich ein leichter Ruheschmerz einzustellen und ich kann es nicht mehr ganz strecken und beugen. Schliesslich nähe ich meine Hose notdürftig (seit dem Sturz klafft ein grosses Loch), wasche Wäsche und stelle meine Ausrüstung wieder her. Der mittlerweile ganz umgängliche Besitzer kocht höchstpersönlich für uns leckere Pasta. Später zieht ein Meteorit seine Leuchtspur am Himmel und, obwohl ich nicht abergläubisch bin, wünsche ich mir trotzdem, dass ich meine Reise fortsetzen kann.

Tag 9, Montag, 7. September 2009

Gavuragili / Kinic / Gelemis (Patara)

Mit dem Morgen kommt auch die Gewissheit, dass ich heute nicht weiter gehen kann. Das Knie ist zwar weder geschwollen noch blau, doch die Schmerzen sind ein klares Zeichen. Meine Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Jedoch besinne ich mich darauf, dass speziell auf einer solchen Reise unvorhergesehene Dinge geschehen, zum Guten wie zum Schlechten. Aber ist es nicht genau das, was ein Abenteuer ausmacht? Hadern mit dem Schicksal bringt nichts. Zudem hätte es auch viel schlimmer kommen können. Also schaue ich nach vorne und beschliesse ärztlichen Rat einzuholen, danach ein paar Ruhetage einzuschalten und anschliessend zu entscheiden, ob ich weiter gehe oder nach Hause fliege. Ivan geht heute Morgen weiter und wir verabreden unverbindlich, uns in Gelemis weiter östlich zu treffen.

 

Zufälligerweise fährt der Besitzer heute nach Fethiye zum Einkaufen. So erhalte ich eine Mitfahrgelegenheit bis zur Abzweigung nach Kinik, eine kleine Stadt im westlichen Hinterland der grossen Ebene, die der Esen Cay (Fluss) hier geschaffen hat. Keine Lust in der Hitze auf den Bus zu warten, halte ich den Daumen hoch und schon der erste Laster nimmt mich die kurze Strecke bis ins Zentrum mit. Nachdem ich im Postlokal eine Telefonkarte erstanden und einen funktionierenden Telefonapparat gefunden habe, rufe ich die medizinische Auskunft meiner Krankenkasse an. Eine Ferndiagnose ist verständlicherweise nicht möglich, aber man schlägt als Behandlung vor, innerlich und äusserlich Entzündungshemmer anzuwenden, das Knie tagsüber einzubinden und ihm Ruhe zu gönnen aber es dennoch gelegentlich leicht zu belasten. Wenn es binnen dreier Tage nicht besser werde, müsse ich einen Arzt konsultieren. Mister Cengil von der hiesigen Eczane (Apotheke) ist sehr hilfsbereit. Man serviert mir Tee, während er die "verschriebenen" Arzneien zusammensucht. Danach fährt mich einer seiner Mitarbeiter die ganze Strecke, bestimmt zwanzig Kilometer, bis nach Gelemis und lädt mich bei einer Pension ab. Keine Lust lange zu suchen bleibe ich gleich hier (Zeybek 2, schöne Dachterrasse, Preis-Leistung gut).

 

Gelemis ist ein kleiner Ferienort bestehend aus ein paar Pensionen und Restaurants, dessen beste Tage wahrscheinlich der Vergangenheit angehören. Im Wesentlichen hat dieser Ort einen fantastischen Strand und eine grosse Ausgrabung zu bieten - je nach Perspektive Segen und Fluch zugleich, denn das Gebiet steht unter Natur- und Denkmalschutz und so konnte sich Gelemis nicht zu einer grossen Pauschalurlaubsdestination entwickeln. Mir ist der Ort sympathisch, so wie er sich mit seinem Charme des Unvollkommenen präsentiert.

 

Gegen Abend besuche ich Ivan, der im Hotel Sema logiert, wahrscheinlich die Unterkunftsempfehlung hier am Ort. Er hat gleich fünf Nächte gebucht und plant von hier aus Tagestouren zu machen.

Tag 10, Dienstag, 8. September 2009

Gelemis

In der Nacht auf heute hat es erstmals wieder geregnet, laut Auskunft von Ansässigen aussergewöhnlich früh im Jahr. Erste Vorboten einer Wetterverschlechterung?

 

Heute fährt uns der Besitzer meiner Pension in seinem ca. dreissig Jahre alten, gasbetriebenen Topas (türkische Fahrzeugmarke, Partner von Fiat) zur Mündung des Esen, welche den 18 Kilometer langen und bis zu 400 Meter breiten Strand von Patara teilt. Ivan und ich gehen dem Strand entlang zurück Richtung Gelemis und steigen die Dünen hoch. Es eröffnen sich tolle Ausblicke auf Meer und Sandformationen. Das Meer ist herrlich zum Baden. Anschliessend führt unser Weg durch die grosse Ausgrabung von Patara, einer antiken lykischen Stadt.

 

Für mich besteht der Reiz des archäologischen Reichtums Lykiens in erster Linie darin, dass der Lykische Weg ganz natürlich darin verläuft. Die Ruinen schaffen eine ganz eigentümliche und geschichtsträchtige Atmosphäre. Andererseits verspürte ich nicht die Notwendigkeit, jede der wie eingangs erwähnt wirklich zahlreichen antiken Stätten im Detail zu besichtigen. Nichtsdestotrotz zählt Patara für mich zu den sehenswertesten Ausgrabungen - gut erhalten und eingebettet in eine schöne Umgebung.

 

Für den Rest des Tages gönne ich meinem Knie etwas Ruhe. Das Gehen im weichen Sand scheint mir gut bekommen zu sein und so plane ich morgen mit Ivan einen Abschnitt des Lykischen Wegs als Tagestour ohne schweres Gepäck zu bewandern.

Tag 11, Mittwoch, 9. September 2009

Gelemis

Unser Weg führt uns aus dem Dorf heraus am Fusse des 547 Meter hohen Eren Tepe Richtung Delikkemer, wo sich ein antikes römisches Viadukt befindet. Hier finde ich einen weiteren Geocache (GC133CN - Aqueduct). Es eröffnen sich schöne Blicke über die grosse Ebene mit den unzähligen Gewächshäusern. Der Weg ist leicht und das Wandern ohne Last am Rücken ist ein Genuss. Gegen Mittag erreichen wir die Bucht von Pinar Kürü, wo wir im nur sporadisch geöffneten kleinen Restaurant frischen Fisch vom Grill geniessen. Nach einem Bad im Meer gehen wir entlang einer sehr reizvollen und unerwartet abgeschiedenen Küstenlandschaft zurück Richtung Gelemis. Unterwegs suche ich einen weiteren Geocache (GCV7V9 - Was guckst Du?), kann ihn jedoch nicht finden. Wie es scheint, ist er beim Waldbrand, der hier vor kurzem wütete, vernichtet worden. Die Abendsonne taucht die Ruinen von Patara in ein mystisches Licht.

 

Insgesamt eine sehr empfehlenswerte Rundwanderung. Ich werde zuversichtlicher, dass ich meine Reise gegen Ende Woche fortsetzen kann.

Tag 12, Donnerstag, 10. September 2009

Gelemis / Xanthos / Saklikent

Nach den Anstrengungen vom Vortag möchte ich heute mein Knie wieder etwas schonen. Wir entschliessen uns, die Schlucht von Saklikent zu besichtigen. Die schöne Busfahrt entlang des Esen dauert ca. 45 Minuten. Unterwegs haben wir einen halbstündigen Aufenthalt in Xanthos, einer weiteren Ausgrabungsstätte, welche wir im Eiltempo besichtigen. Die Schlucht selber ist eindrücklich, der ganze touristische Rummel drum herum ist jedoch eher lästig.

Tag 13, Freitag, 11. September 2009

Gelemis / Akbel / Kinik

Heute steht eine weitere Etappe des Lykischen Wegs als Tagestour auf dem Programm. Wir engagieren wieder den Besitzer meiner Pension und er fährt uns auf der Schnellstrasse ein paar Kilometer Richtung Osten. Am Pass vor Kalkan kreuzt der Lykische Weg die Strasse und Ivan und ich steigen aus. Der Weg führt am Fusse des Bergrückens entlang, der die grosse Ebene nördlich begrenzt, und ist teils sehr schmal und stark überwachsen. Ich bin froh, dass ich den grossen Rucksack nicht dabeihabe. Bei einer Moschee machen wir unter einem Dach aus Reben eine Pause und der Imam lädt uns ein, von den schmackhaften Trauben zu essen.

 

Man überblickt fast die ganze Zeit die weite Ebene. Da und dort, nah und fern sieht man immer wieder dunkle Rauchsäulen aufsteigen, es stinkt und es scheint sich bereits eine Dunstglocke über der Ebene aufzubauen. Später sehen wir den Grund. Wahrscheinlich ausgelöst durch die ersten Regenfälle verbrennen die Leute ihren Abfall - Garten- und Hausmüll - einfach im Strassengraben.

 

Der Weg führt weiter entlang an antiken Wasserleitungen in eine Landwirtschaftszone mit vielen Gewächshäusern. Der Himmel beginnt sich besorgniserregend zu verdunkeln. Ein Unwetter braut sich zusammen. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir Kinik und fahren mit dem Bus zurück nach Gelemis. Während der Fahrt setzt heftiger Regen ein. Rückblickend fand ich diese Etappe insgesamt nicht sonderlich erlebenswert und könnte, wenn man eine Auswahl treffen muss, guten Gewissens ausgelassen werden.

 

Mit Ausnahme von kürzeren Verbindungsstücken um Kalkan und der Etappe von Gavuragili nach Kinik, welche nach einhelliger Meinung ebenfalls nicht zu den Highlights des Lykischen Wegs gehört, habe ich nun alle Etappen vom Start bis nach Kalkan bewandert. Das Knie scheint die Belastung zu meistern und wir entschliessen uns, gemeinsam weiter gen Osten zu ziehen.

Tag 14, Samstag, 12. September 2009

Gelemis / Kalkan

Ein heftiges Gewitter hat die ganze Nacht hindurch getobt und es regnet noch immer. Insgesamt wird es zwanzig Stunden am Stück regnen. Dies sind wohl die Ausläufer vom verheerenden Unwetter in Istanbul, welches dort in den vergangenen Tagen grosse Überschwemmungen verursacht und etliche Opfer gefordert hat. Es ist auch merklich kühler geworden, selbst auf Meereshöhe.

 

Wir entschliessen uns also, heute doch noch nicht zu starten und stattdessen Kalkan zu besuchen. Kalkan ist ein nobler Ferienort, wiederum dominiert von Briten. An den Hängen wuchern Feriensiedlungen und Eigentumswohnungen reicher Engländer. Die Gassen sind überfüllt und immer wieder schüttet es runter. Kein sehr erbaulicher Ausflug.

 

Draussen in der Bucht ankert eine angeblich 400 Millionen US-Dollar teuere futuristische Superjacht, die einem jungen Russen gehören soll, wie uns ein Restaurantbesitzer weismacht. Ich sage ihm, dass ich dieser Russe sei, worauf er zu stottern und zu zittern beginnt. Schnell erlöse ich ihn und kläre den Scherz auf. 

 

Das Wetter klart am späteren Nachmittag auf und so statte ich dem Strand von Patara einen letzten Besuch ab.

Tag 15, Sonntag, 13. September 2009

Gelemis / Bezirgan / Saribelen

Ali, der nette Besitzer vom Hotel Sema, fährt uns um halb sechs in der Früh nach Ulugöl, unser heutiger Etappenstart ca. zwei Kilometer östlich von Kalkan, wo der Lykische Weg von der Schnellstrasse abzweigt. Es ist noch dunkel und wir haben, trotz der Beschilderung des Einstiegs Probleme, die Weiterführung des Wegs im Dickicht auszumachen. Es bessert sich auch nicht wesentlich, als die Dämmerung einsetzt. Die Wegmarkierung scheint hier nicht optimal zu sein. Die ersten Kilometer sind sehr beschwerlich, aber langsam gewinnen wir an Fahrt und klettern hoch zum Pass auf fast 800 Metern Höhe Richtung Bezirgan. Dabei werden wir mit schönen Ausblicken auf die Küstenlandschaft rund um Kalkan belohnt. Das Wetter wird zunehmend besser, die Wolken regnen sich über dem Meer aus und ein wunderschöner Regenbogen ziert den Himmel.

 

Es wirkt befreiend, nach so vielen Tagen scheinbaren Stillstands wieder unterwegs zu sein. Wandern ohne Rucksack ist zwar viel bequemer, aber das Gefühl, durch das Gehen Weg gutzumachen und dem Ziel näher zu kommen, ist ebenfalls nicht zu unterschätzen.

 

Bezirgan, ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf, das wunderschön in eine grosse Hochebene eingebettet liegt, erreichen wir am Morgen. Ein freundlicher Dorfbewohner lädt uns zum Tee ein. Später führt der Weg etwas unterhalb der Strassenböschung hoch zum Strassenpass von Yumrutepe Rakim. Von da aus steigt der Weg laut Beschreibung weiter am Bergrücken hoch und sollte nach 500 Metern links abzweigen, hinunter nach Saribelen. Obwohl wir das Ziel sehen, können wir keine Abzweigung finden. Stattdessen machen wir eine grausige Entdeckung. Überall liegen Tierknochen, erst nur wenige und dann immer mehr, und plötzlich steigt uns ein lähmender Geruch in die Nase. Der Anblick ist erschreckend. Die Böschung ist übersäht mit Tierkadavern und zerrissenen Säcken voll mit sich in der Sonne aufblähenden Innereien. Wie es scheint, hat hier jemand Schlachtabfälle entsorgt. Es scheint ein Abfallproblem in der Türkei zu geben. Ich versuche diesen Ort des Schreckens rasch möglichst hinter mir zu lassen und wir finden tatsächlich weiter oben erleichtert eine Wegmarkierung. Doch von der Abzweigung immer noch keine Spur, obwohl wir bereits mehr als einen Kilometer seit dem Strassenpass zurückgelegt haben. Noch etwas weiter treffen wir zwar auf eine Abzweigung, jedoch ohne Wegmarkierungen. Dennoch steigen wir auf diesem Weg ab – geradewegs in eine Sackgasse. Auch ein zweiter Weg verliert sich im undurchdringlichen Dickicht. Noch hier liegen überall Knochen herum. Etwas entmutigt beschliessen wir, zurück zum Strassenpass zu gehen, auch wenn es bedeutet, nochmals den Tierfriedhof passieren zu müssen. Dort erhalten wir eine Mitfahrgelegenheit, die Passstrasse hinunter. Unten gehen wir die letzten Kilometer Richtung Saribelen und setzen uns in ein Teehaus.

 

Saribelen hat nicht wirklich viel zu bieten, vor allem keine Unterkunft und kaum Zeltmöglichkeiten. Rückblickend würde ich bereits in Bezirgan eine Mitfahrgelegenheit bis nach Saribelen suchen. Auf dem weiteren Weg ausserhalb gibt es wieder ansprechende Campiermöglichkeiten.

 

Doch haben wir auch wieder Glück. Ich spreche einen jungen Dorfbewohner an und frage ihn, wo wir unser Zelt aufschlagen können. Hüseyin meint, bei ihm im Garten sei der beste Platz. So gehen wir mit ihm zum Haus seiner Eltern. Er studiert in Antalya und ist nur über das Wochenende hier. Man serviert uns Tee, Kekse und hausgemachte Süssigkeiten. Der Himmel hat sich wieder etwas verdunkelt und so bietet Hüseyin uns an, bei ihnen im Haus zu übernachten. Obwohl ich eigentlich gerne im Zelt geschlafen hätte, nehme ich die Einladung an. Rasch werden zwei improvisierte Betten aus Matten und Decken hergerichtet. Nach Sonnenuntergang - die Leute hier halten sich streng an den Ramazan - essen wir gemeinsam mit der ganzen Familie.

 

Was mich abgesehen von der Gastfreundschaft tief beeindruckt hat, ist der Umstand, dass die Menschen hier Zeit haben oder viel mehr, sich Zeit nehmen. So verbringt Hüseyin völlig ungeplant den ganzen Sonntagnachmittag mit uns, wir besuchen Bekannte von ihm und auch diese nehmen sich Zeit, mit uns Tee zu trinken. Nur schwer vorstellbar bei uns zu Hause. Ich sehe mich einmal mehr in der Ansicht bestätigt, dass wirklicher Luxus bedeutet, Zeit zu haben und frei darüber verfügen zu können.

Tag 16, Montag, 14. September 2009

Saribelen / Gökceören

Nach einem ausgiebigen Frühstück verabschieden wir uns von unseren netten Gastgebern. Der Weg schlängelt sich heute Vormittag oberhalb von Saribelen an eindrücklichen Felsformationen vorbei, die vom Wind geschliffen wurden. Noch einmal blicken wir zurück auf Sariblen mit dem Pass Yumrutepe Rakim im Hintergrund und ab jetzt führt der Weg zielgerichtet weiter ostwärts.

 

Um die Mittagszeit erreichen wir einen kleinen Hof. Hier lebt ein Hirte, der ebenfalls Hüseyin heisst, mit seiner Frau und seinem Sohn. Wir bekommen Fotoalben zu sehen, von Wanderern aus der ganzen Welt, die schon hier bei ihm gerastet haben. Er erzählt uns eine traurige Geschichte in Türkisch, die vom Tod seines zweiten Sohnes durch einen Autounfall handelt. Leider verstehen wir nicht viel. Später wird Mittagessen serviert. Hüseyin scheint die Verpflegung von Wanderern schon fast institutionalisiert zu haben. Der Lykische Weg führt direkt durch seinen Vorgarten und so kann er regelmässig auf Gäste hoffen.

 

Am Nachmittag wandern wir über ausgedehnte Hochebenen vorbei an überwachsenen Ruinen Richtung Gökceören. Dort folgen wir einer Einladung zum Tee und akzeptieren eine Mitfahrgelegenheit für fünf Kilometer - der Lykische Weg folgt hier ein Stück einer allerdings wenig befahrenen Asphalt- / Staubstrasse, welche im Nachhinein eigentlich ganz schön zu laufen gewesen wäre. Es geht langsam auf den Abend zu und wir suchen uns einen schönen Zeltplatz zum Übernachten, baden im Fluss und kochen Pasta.

 

Es ist bald Neumond und wir befinden uns hier in erhöhter Lage fernab von künstlichen Lichtquellen. Über mir präsentiert sich ein Sternenhimmel wie ich ihn selten gesehen habe. Schon fast drückend funkeln unzählige Sterne in grosser Klarheit.

Tag 17, Dienstag, 15. September 2009

Gökceören / Phellos / Cukurbag

Als ich mitten in der Nacht erwache, blicke ich nochmals aus dem Zelt auf den Sternenhimmel. Umso ungläubiger realisiere ich etwas später um fünf Uhr, dass es auf das Zelt tropft und ein leichter Regen einsetzt. Schnell gehe ich raus und nehme meine Wäsche von der Wäscheleine. Um sechs, mit dem ersten Tageslicht ist der Spuk vorbei. Das Wetter scheint wirklich unberechenbar zu sein. Murrend packe ich das nasse Zelt ein, nicht sehr erfreut über das zusätzliche Gewicht am Rücken.

 

Heute sollte eine der härtesten Etappen auf uns warten. Der Weg folgt zuerst für einige Kilometer entlang dem Bach nach unten, steigt dann aber steil über 500 Meter einen Bergrücken hoch. Hinter dem Pass auf über 1000 Meter entdecken wir hungrig und durstig einen kleinen paradiesischen Garten, wo reife Trauben und Feigen im Überfluss an den Bäumen hängen. Gestärkt füllen wir unsere Wasservorräte an einer nahen Quelle. Zum ersten Mal kommt dabei mein Wasserfilter zum Einsatz. Danach bahnen wir unseren Weg durch die dichter werdende Macchia. Die letzen vier Kilometer bis zur antiken Stätte von Phellos sind eine Tortur. Tief hängende Äste verfangen sich und zerren am Rucksack. Speziell wenn man gross ist, muss man sich immer wieder tief ducken, was mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken sehr kräftezehrend ist. Den Unterschenkeln setzen Dornen bewachsene Sträucher arg zu. Noch Tage danach werde ich Dornen entfernen müssen. Zumindest für diese Etappe wäre trotz Hitze eine lange feste Trekkinghose empfehlenswert.

 

Phellos besichtige ich im Vorbeigehen und nach einem Abstieg von 400 Höhenmetern erreichen wir am späteren Nachmittag sichtlich erschöpft Cukurbag, ein verstreutes Dorf ohne jegliche Infrastruktur. Am Dorfeingang treffen wir Dede, was soviel wie „Grossvater“ heisst. Dede, tatsächlich über siebzig, hat lange in Deutschland gearbeitet, wohnt unten an der Küste in Kas und betreibt hobbymässig hier eine kleine Pension. „Dede“ sei zu seinem Namen geworden, selbst sein über neunzigjähriger Nachbar nenne ihn „Grossvater“. Ich baue mein Zelt im Garten auf. Gegen sechs Uhr meint Dede, er fahre jetzt nach Hause. In der Küche fänden wir alles, was wir brauchen. Wir sollen gut auf sein Haus aufpassen, er komme dann morgen um acht mit frischem Brot und bereite uns Frühstück. Und so werden Ivan und ich stolze Besitzer eines schönen Landhauses aus Stein, wenn auch nur für eine Nacht. In der Küche finde ich wahrhaftig alles was ich brauche, um ein paar leckere Pasta mit einer Gemüsesauce zu kochen.

 

Tag 18, Mittwoch, 16. September 2009

Cukurbag / Kas

Nach den Strapazen des Vortags nehmen wir Dede’s Angebot gerne an, uns nach Kas fahren zu lassen. Es wären zwar nur etwa zweieinhalb Stunden zu gehen, jedoch stünde uns nochmals ein steiler Abstieg von über 500 Metern bevor.

 

Wir planen, uns in Kas zwei Tage zu erholen und finden rasch eine passende Unterkunft (Hilal Pension, sehr schöne Dachterrasse, Besitzer mässig freundlich, Preis-Leistung OK). Bei einem ersten Stadtbummel entpuppt sich Kas auf Anhieb als überaus freundliches Städtchen. Blumenüberwachsene Gassen, schattige Plätze und lauschige Cafés und Restaurants wechseln sich ab. Am geschäftigen Hafen wetteifern die Bootsbesitzer um die Gunst der Touristen und Fischer laden ihre Fänge ab. Ich geniesse die Atmosphäre nach der Abgeschiedenheit der letzten Tage. Es gibt auch einige Zugänge zum Meer, wo man über Leitern am felsigen Ufer schwimmen kann. Etwas oberhalb der Stadt befinden sich ein antikes Theater und eine Grabstätte. Von hier aus hat man einen schönen Blick hinüber zur griechischen Insel Kastellorizo, in der Türkei als Meis bezeichnet. Die Insel liegt ein paar Kilometer vor dem Festland und kann in wenigen Bootsminuten von Kas aus erreicht werden. Speziell im vergangenen Jahrhundert haben die Bewohner viel Leid erdulden müssen - Erdbeben, Bombardements im zweiten Weltkrieg durch Deutschland und Italien und ein grosses Feuer - weshalb heute nur noch wenige der einst 10'000 Bewohnern ganzjährig auf dem östlichsten Aussenposten Griechenlands leben.

Tag 19, Donnerstag, 17. September 2009

Kas

Was sich schon gestern Abend abzuzeichnen begann, ist heute Tatsache geworden. Ich habe mir eine Erkältung eingefangen. Mit dämmrigem Kopf und triefender Nase wandle ich gelegentlich durch die Gassen oder mache einfach mal gar nichts. Gegen Abend verabschiede ich mich von Ivan, der morgen früh weiter geht. Ihm verbleiben nur noch etwa zwei Wochen, folglich lässt sein Zeitplan keine Verzögerungen zu.

Tag 20, Freitag, 18. September 2009

Kas

Erstaunt stelle ich fest, dass Ivan nicht abgereist ist. Er sieht geschwächt aus. Verdauungsbeschwerden plagen ihn.

 

Den heutigen Tag verbringe ich lesend und nichts tuend, was ich ausserordentlich geniesse. Die Entscheidung, nur den Hinflug zu buchen, erweist sich als goldrichtig. So warte ich völlig entspannt, bis ich wieder fit und motiviert für das bevorstehende harte Wegstück bin, ohne meinem nicht existenten Zeitplan ins Gehege zu kommen. Das Gefühl dieser grossen Freiheit und Flexibilität, frei von äusseren Zwängen und Verpflichtungen niemandem ausser mir selber über mein Tun und Lassen Rechenschaft zu schulden, ist überwältigend.

Tag 21, Samstag, 19. September 2009

Kas / Kalkan

Im Dragoman, einem Outdoorgeschäft in Kas, hoffe ich Ersatz für meine zerrissene Hose zu finden. Der Laden entpuppt sich als Reinfall. Hier werden vorwiegend Ausflüge in die Umgebung verkauft. Das Angebot an Kleidern und Ausrüstung ist sehr bescheiden. Also überwinde ich mich heute, mit dem Bus nochmals zurück nach Kalkan zu fahren, um die Hose zu kaufen, die ich dort bei meinem letzten Besuch vor einer Woche in einem Geschäft gesehen habe. Die Fahrt über knapp dreissig Kilometer entlang der Küstenstrasse ist ein Erlebnis und dauert eine halbe Stunde. Auch präsentiert sich Kalkan heute bei schönem Wetter wesentlich freundlicher. In einer Gasse spielt sogar eine Jazzband.

 

Die Erkältung scheint eindeutig auf dem Weg der Besserung und so beschliesse ich, morgen zusammen mit Ivan weiterzugehen.

Tag 22, Sonntag, 20. September 2009

Kas / Liman Agzi / Üzüm Iskelesi

Wir brechen im Morgengrauen auf und werden mit einem herrlichen Sonnenaufgang belohnt. Bald führt der Weg entlang einer felsigen Küste mit einigen gefährlichen Kletterpassagen. Überhaupt ist der Weg heute wieder sehr anstrengend. Immer wieder sind knie- oder gar hüfthohe Absätze zu überwinden. Der Untergrund ist steinig und überwachsen. Im Gegensatz zu den vergleichsweise luftigen Höhen der vergangenen Wandertage ist es sehr heiss auf Meereshöhe. Unser noch immer etwas angeschlagener Zustand tut sein Übriges. Lediglich die spektakuläre Küstenlandschaft mag dafür entschädigen.

 

Das heutige und teils das morgige Wegstück sind von grosser Abgeschiedenheit geprägt. Abgesehen von einigen Booten und Hütten sind wenige Spuren moderner Zivilisation zu sehen. Leider stören aber einmal mehr Abfallberge die Idylle. Traumstrände sind übersäht mit Flaschen, Schuhen und Plastik - ein trauriges Bild.

 

Die Wasserversorgung stellt uns ebenfalls vor eine Herausforderung. Aus Berichten wissen wir, dass wir gegen Mittag das Haus „Bes Lira“ (fünf Lira) erreichen werden. Man hat dem Ort diesen Namen gegeben, weil der Besitzer Wanderern Wasser für fünf Lira überlässt. Das Haus scheint jedoch verlassen und so bedienen wir uns selber aus der Zisterne im Hausinnern. Dies ist unsere letzte Möglichkeit für die kommenden 24 Stunden, um Wasser aufzunehmen. 

 

Auf dem weiteren Weg treffen wir auf Traumbuchten, welche teils von Ausflugsbooten in Beschlag genommen werden. Gegen Mitte des Nachmittags verdunkelt sich der Himmel. Ein Gewitter scheint aufzuziehen. Wir beschliessen am Strand von Üzüm Iskelesi unser Lager aufzuschlagen. Ein herrlicher Campingplatz. Während wir auf dem bisherigen Wegverlauf so gut wie keine Wanderer getroffen haben, scheint heute Morgen in Kas ein „Massenstart“ stattgefunden zu haben. So treffen wir hier Tal und Tomer, zwei junge Israeli, die ziemlich flott unterwegs sind und heute noch weit gehen wollen. Dann schlagen ein deutsches Brüderpaar und eine Dreiergruppe Türken ebenfalls ihr Lager hier auf. Bei einsetzendem Regen schwimmen wir im warmen Meer. Beim Eindunkeln beobachte ich, wie weit draussen über dem Meer gewaltige Blitze von höheren Wolken zu tieferen Wolkenschichten zucken - ein eindrückliches Naturschauspiel.

Tag 23, Montag, 21. September 2009

Üzüm Iskelesi / Aperlai

Das Wetter hat sich über Nacht wieder beruhigt und ein freundlicher Morgen erwartet uns. Wir brechen als erste auf. Der Blick aufs Meer mit den vorgelagerten Inseln im Morgenlicht erinnert mich an Szenerien einer früheren Schottlandreise. Gar nicht in dieses Bild passt jedoch die einsame Palme, die hier am Ufer wächst. Den beiden Deutschen ist gestern ein schwarzer Hund gefolgt. Er hat sich heute Morgen an unsere Fersen geheftet.

 

Bald beginnt der Weg anzusteigen und passiert die Ruinen eines römischen Turms. Oben am Pass angelangt finden wir die ersehnte Zisterne und es gibt ein Wiedersehen mit Tal und Tomer und wenig später treffen auch die zwei deutschen Kollegen ein. Wir werden uns heute und morgen noch ein paar Mal begegnen.

 

Über rotsandige Pisten und steinige schmale Pfade führt der Weg weiter Richtung Isthmus von Aperlai, vorbei an eigenartigen Felsformationen und herrlich in die Landschaft eingebetteten Ruinen. Schliesslich erreichen wir das Purple House, ein kleines Gasthaus am westlichen Ende der Landenge, und erfrischen uns bei kühlen Getränken und Tee auf der bequemen Veranda. Unsere Absicht, hier zu übernachten, lassen wir fallen, nachdem uns der Wirt die unverschämt hohe Rechnung präsentiert. So wandern wir in wenigen Minuten über den Isthmus und stellen unsere Zelte nahe dem „Boathouse“ am östlichen Ende auf. Der nette Wirt offeriert uns eine „Kesseldusche“ und serviert uns frischen Fisch.

Tag 24, Dienstag, 22. September 2009

Aperlai / Ücagiz

Beim Frühstück hören wir Schiesslärm aus der Richtung unseres heutigen Wegs. Unbeirrt steigen wir ein kleine Anhöhe hoch und erreichen eine wunderschöne Ebene, auf welcher Gras im saftigsten Grün wächst. Weit vorne neben einer Zisterne sind gerade die deutschen Kollegen dabei, ihr Nachtlager abzubrechen. Wir schliessen zu ihnen auf. Durchs Dickicht streifen Männer mit Schrotflinten in Tarnkluft, die selbst Rambo vor Neid erblassen liesse. Immer wieder werfen sie Steine in die hohen Wiesen und schiessen auf die fliehenden Vögel, ohne darauf zu achten, was sich sonst noch in Schusslinie befindet. Die Situation ist ungemütlich, speziell nachdem uns die beiden erklären, dass vergangene Nacht eine Salve Schrotkugeln ihr schönes Hilleberg Zelt durchlöchert hat, nur vierzig Zentimeter oberhalb ihrer Körper. Sie unterstellen den Jägern zwar keine Absicht, aber eine ruchlose Rücksichtslosigkeit. In geschlossener Formation überqueren wir zu viert im Eilschritt die Ebene und bringen uns in Sicherheit.

 

Es eröffnet sich uns ein erster wunderschöner Blick über die Bucht von Ücagiz, welche von  Halbinseln umrahmt, von der vorgelagerten Insel Kekova geschützt und von vielen kleinen Inseln durchsetzt ist. Man hat den Eindruck, das Meer sei hier ein Binnensee in den südlichen Voralpen. Wir steigen hinunter zum Wasser, wo sich uns eine einzigartige Bademöglichkeit anbietet. Eine Quelle mit eiskaltem Süsswasser fliesst über eine Naturwanne direkt in die Lagune - eine herrliche Erfrischung.

 

Am späten Vormittag erreichen wir bereits Ücagiz, ein kleines ehemaliges Fischerdorf, welches aus einer Handvoll Pensionen und Restaurants besteht und aufgrund seiner schönen Lage an der Bucht rege von Ausflugsbussen und -booten frequentiert wird.

 

Am vergangenen Sonntag ist der Ramazan zu Ende gegangen. Dieses Ereignis wird jeweils mit dem mehrtägigen Zuckerfest, dem Seker Bayrami, gefeiert. Entsprechend ausgebucht und teuer sind die Pensionen in Ücagiz. Bei der Quartiersuche verärgere ich dann auch einen Pensionsbesitzer, weil ich im Gegensatz zu Ivan nicht gleich auf sein überteuertes Angebot einschlage, sondern - meinen Rucksack bei ihm im Restaurant lassend - nach einem besseren Angebot Ausschau halte und auch fündig werde (Theimussa Pension, sehr schönes Zimmer und Veranda, Preis-Leistung gut). Als ich wenig später zurückkomme, um meinen Rucksack abzuholen, weiss er aus mir unergründlichen Quellen bereits von meinem Entschluss und beschimpft mich arg. Ich ignoriere ihn bestmöglich und ziehe von dannen.

 

Am Nachmittag erkunde ich das Dorf und finde einige schöne Winkel. Der Reichtum an antiken Funden in der Gegend ist derart gross, dass sie kaum noch entsprechend beachtet, geschweige denn gewürdigt werden. So dient beispielsweise der Vorplatz eines abenteuerlich anmutenden Grabs als Park- und Abstellplatz.

 

Am Abend verschiede ich mich von Ivan. Nach vielen gemeinsam zurückgelegten Kilometern gehen wir ab morgen getrennte Wege. Während er morgen früh weitergeht und in der ihm verbleibenden Woche noch einzelne ausgewählte Etappen weiter im Osten wandern möchte, plane ich für morgen eine Bootstour und anschliessend weiter dem Lykischen Weg zu folgen.

Tag 25, Mittwoch, 23. September 2009

Ücagiz / Kekova / Simena / Cakil Plaji

Ein prächtiger Morgen bricht an. Ich frühstücke auf der Veranda direkt am Meer bei schönen Blicken über die Bucht.

 

Da mein Knie noch immer nicht gänzlich schmerzfrei ist und mein Sportarzt oft lange Wartefristen hat, vereinbare ich heute telefonisch einen Arzttermin auf Anfang November, gleich nach Ablauf der „Rahmenfrist“ meiner Reise. Das Telefonat konfrontiert mich mit der Alltagsrealität. Doch im Augenblick erscheint mir dies hier realer als alles andere und das ist gut so und soll auch noch für eine Weile so bleiben. Dennoch und vielleicht auch wegen des Umstands, dass Ücagiz als Mittelpunkt des Lykischen Weges gilt, mache ich mir Gedanken, wie meine Reise weiter verlaufen soll. Meine ursprüngliche Intention war, den ganzen Weg zu gehen. Kas, mein Mindestziel, habe ich bereits überschritten. Das Wandern macht mir immer noch Spass und solange ich jeweils am Morgen wieder motiviert erwache, werde ich dem Weg folgend weiter ostwärts ziehen. Nächstes Zwischenziel ist Demre, dann Finike und dann… vielleicht schaffe ich tatsächlich den gesamten Weg.

 

Ich möchte heute eine Bootstour zur „versunkenen Stadt“ machen. Der Boden vor der Insel Kekova hat sich über die Jahrhunderte abgesenkt und so liegen auch die Ruinen dort heute unter dem Meeresspiegel. Dazu schlendere gemütlich zum Hafen. Verschiedene Bootsbesitzer versuchen mich zu überzeugen, bei ihnen mitzufahren. Aber für mich alleine ein ganzes Boot zu chartern, ist dann doch etwas zu kostspielig. Ich folge dem Tipp von Tomer und warte auf die Ankunft des ersten Tourbusses und laufe einfach der Gruppe, vorwiegend Russen, hinterher. Am Bootssteg frage ich den Tourguide, ob ich die Bootsfahrt mitmachen kann. Unkompliziert sagt dieser, ich solle dem Kapitän zehn Lira geben und dann sei das in Ordnung. Die Gruppe ist heute früh um fünf Uhr östlich von Antalya gestartet und hat noch ein volles Besichtigungsprogramm bis am Abend vor sich. Entsprechend effizient geht die Tour vonstatten: Kreuzen vor Simena, Überfahrt der Unterwasser-Runien vor Kekova, Badestopp auf dem Weg zurück.

 

Am frühen Nachmittag verlasse ich Ücagiz auf dem Lykischen Weg und mache - vorbei an einer Vielzahl lykischer Gräber - einen kleinen Abstecher nach Simena, ein kleines Dorf an einem Hügel, auf welchem eine Burg thront. Simena ist sehr touristisch, jedoch nur über einen Fusspfad oder per Schiff zu erreichen. So sind dem Dorf schöne Winkel und eine gewisse Ursprünglichkeit erhalten geblieben.

 

Ich beschliesse in den Nachmittagsstunden noch weiter Richtung Demre zu gehen und unterwegs das Zelt aufzuschlagen. Nach vielen Tagen gemeinsamen Wanderns geniesse ich es, nun wieder allein unterwegs zu sein. Der Weg führt vorbei an einer weiteren Festung und über rote Ebenen. Die Zeit des alleine Wandern ist jedoch kurz, denn schon nach wenigen Kilometern begegne ich drei Wanderern, einem Paar aus Südtirol und einem Schweizer, den ich vorgestern bereits in Aperlai gesehen habe. Zu Hause wohnen wir nur wenige Kilometer auseinander. Klein ist doch die Welt. Die drei sind mit sehr leichtem Gepäck flott unterwegs und so gehen wir ein Stück gemeinsam. In der Abenddämmerung erreichen wir Cakil Plaji, ein wunderschöner einsamer Strand mit rund geschliffenen weissen Kieselsteinen, wo wir ein Bad nehmen. Die drei sind ohne Zelt unterwegs und versuchen im letzten Tageslicht noch Demre zu erreichen. Ich beschliesse, hier mein Nachtlager aufzuschlagen. Die Mücken sind äusserst aggressiv. Bereits nach wenigen Minuten bin ich vielfach gestochen worden. In Rekordzeit baue ich mein Zelt auf und bringe mich in Sicherheit. Aufs Kochen verzichte ich heute und esse kalt. In der Nacht werde ich durch ein Rascheln neben dem Zelt geweckt. Als ich mit der Taschenlampe nach draussen leuchte, galoppiert eine Herde Wildschweine durchs Dickicht davon. Die zweite Ruhestörung in dieser Nacht wird von ungleich ungemütlicherer Art sein.

Tag 26, Donnerstag, 24. September 2009

Cakil Plaji / Demre (Myra)

Das Motorengeräusch eines herannahenden Boots weckt mich an diesem Morgen, kurz nach Anbruch der Dämmerung. Schwere Schritte über Kies. Was die wohl so früh hier draussen wollen? Ich denke an die Wildschweine, zähle eins und eins zusammen und schon beginnt es in unmittelbarer Nähe zu knallen. Ich springe aus dem Zelt und mache auf mich aufmerksam. Wiederum in Rekordzeit breche ich unter Mückenangriffen und Schiesslärm das Lager ab und mache mich aus dem Staub.

 

Nach etwa einer Stunde erreiche ich über eine wacklige Brücke aus Ästen den Strand von Andriake. Ich entschliesse mich, nicht über die Zusatzrunde via Gurses nach Demre zu laufen, sondern einer Empfehlung folgend von hier mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Den Tag möchte ich anschliessend nutzen, um mich auf die schwere Dreitagesetappe durchs Hochgebirge nach Finike vorzubereiten und die Sehenswürdigkeiten Demres zu besichtigen.

 

Am Westende des Strands auf einem Campingplatz treffe ich unerwartet auf Ivan, der gerade frühstückt. Wir beschliessen, gemeinsam Myra, eine für seine Felsengräber bekannte antike Stätte, zu besuchen. Der nette Besitzer vom Campingplatz bietet uns eine Mitfahrgelegenheit an und setzt uns bei einer Pension in der Nähe der Ausgrabungsstelle ab. Ich beziehe Quartier und wir laufen zur Ausgrabungsstelle. Dort treffen wir ebenfalls unerwartet wieder auf Tal und Tomer, die beiden Kollegen aus Israel. Sie haben sich gestern verlaufen und sind auch noch nicht weiter.

 

Das sehr gut erhaltene römische Theater ist imposant. Hauptattraktion sind aber wohl die eindrücklichen Felsengräber. Vergeblich suche ich nach einem Geocache (GC1M58P - TÜRKEI*****Myra,Theater). Die angegebenen Koordinaten sind sehr ungenau und ich müsste viele Meter Mauerwerk absuchen, wo angeblich Nattern hausen. Wie es scheint, lassen weitere Geocaching-Erfolge auf sich warten.   

 

Auf den Besuch der zweiten grossen Sehenswürdigkeit, der Basilika des Heiligen Nikolaus (unser „Samichlaus“), verzichte ich angesichts der nicht abreissen wollenden Flut von Reisecars. Abgesehen von den Ausgrabungen hat Demre, eine 15’000 Einwohner zählende Stadt, kaum etwas zu bieten. Die äusseren Quartiere sind von Gewächshäusern gesäumt, im Zentrum stehen viele hässliche Zweckbauten, teils im Rohbau, teils bereits am Zerfallen. Dieser trostlose Ort drückt etwas auf meine Stimmung, welche auch nicht gerade durch die eher ungemütliche Pension mit dem schäbigen Zimmer aufgehellt wird, leider eine der ganz wenigen Optionen hier am Ort (Kent Pension, Preis-Leistung eher schlecht). Ich besorge Proviant für drei Tage und gönne mir nochmals ein gutes Abendessen in einer Lokanta.

Tag 27, Freitag, 25. September 2009

Demre / Alakilise

Ich gehe den Tag heute gemächlich an. Beim Frühstück treffe ich Elisabeth Bitter, eine über siebzigjährige Deutsche, die im März dieses Jahres in Deutschland gestartet ist und über 7000 Kilometer nach Bethlehem pilgert, wo sie Heilig Abend ankommen möchte. Eine beeindruckende Leistung.

 

Nach dem Frühstück fährt mich der Pensionsbesitzer ein paar Kilometer aus der Stadt, wo ich meine heutige Wanderetappe starte. Es ist bereits später Vormittag und die Sonne brennt wieder einmal heiss. Rasch gewinne ich an Höhe und die Temperatur wird trotz Mittagszeit angenehmer. Beim Blick zurück sehe ich die weite Ebene um Demre mit den unzähligen Gewächshäusern. Ich passiere Belören und Zeytin, zwei kleine, ziemlich verlassene Häuseransammlungen. Es kommen mir zwei junge britische Wanderer entgegen, die gestern hier in der Umgebung übernachtet haben. Die Nacht sei sehr kalt gewesen und sie seien nicht ausreichend für eine Gebirgsüberquerung ausgerüstet, weshalb sie es nicht wagten, weiterzugehen. Ich lasse mich nicht beirren und erreiche wenig später Alakilise, die Ruinen einer dem Engel Gabriel gewidmeten Kirche auf etwa 800 Metern über Meer. Der Ort scheint mir ein idealer Ausgangspunkt für die morgige Überquerung des auf über 1800 Metern gelegenen Bergkamms zu sein. So entschliesse ich mich, hier mein Nachtlager aufzuschlagen, obwohl es erst mitten am Nachmittag ist. Es wurde von gelegentlichen starken katabatischen Winden (kalte Fallwinde) hier in diesem Tal berichtet, die vom Gebirge her dem Meer entgegen rauschen. Ich stelle auf jeden Fall mein Zelt sehr sorgfältig, zur Abwechslung mal mit allen Heringen auf und lege für den Ernstfall schon mal die Abspannschnüre bereit.

 

Innerhalb der Ruinen befinden sich zwei Zisternen und als ich daran bin, das Trinkwasser für die nächsten 24 Stunden aufzubereiten, kommt eine ältere Frau mit einem Esel und einem Jungen von vielleicht drei Jahren vorbei. Ich grüsse freundlich, werde aber völlig ignoriert. Als sie versucht, den Esel anzubinden, wirft dieser sie um. Da sie etwas mitgenommen aussieht, ziehe ich für Sie zweimal den 10-Liter-Eimer aus mindestens acht Metern Tiefe, fülle ihre zwei Kanister und helfe ihr, diese auf den Esel zu binden. Ohne ein Wort des Dankes trotten sie davon. Sie vergisst ihre Mütze bei der Zisterne und ich laufe ihr hinterher. Sie nimmt sie mich ignorierend entgegen. Seltsame Begegnung.

 

Etwas später kommt eine Ziegenherde vom Berg herunter, genau auf mein Lager zu. Sofort bin ich alarmiert, da die Herden oft von anatolischen Hirtenhunden begleitet werden. Bisher habe ich noch keines dieser Tiere zu Gesicht bekommen, doch über sie kursieren haarsträubende Geschichten, der Albtraum eines jeden Wanderers. Es handle sich um eine spezielle Zuchtrasse aus Zentralanatolien. Sie seien den rauen Bedingungen sehr gut angepasst, äusserst kräftig und widerstandsfähig und werden bis zu neunzig Kilogramm schwer. Ihr Wesen sei von grosser Unabhängigkeit geprägt, sie beschützten die Herden instinktiv und nicht antrainiert gegen jedes Raubtier. Wölfe töten sie, indem sie sie mit hoher Geschwindigkeit seitlich rammen und ihnen dabei mit ihrer grossen Masse das Rückgrat brechen. Bären werden im kleinen Verband gehetzt und zu Tode gebissen. Auf einer Farm in Afrika hätte man grosse Verluste an Vieh durch Geparde erlitten. Seit ein paar Kangals anwesend sind, sei Ruhe. Falls nur die Hälfte dieser Geschichten, die mir tatsächlich so erzählt wurden, wahr ist, kann es wirklich ungemütlich werden. Kleinere aggressive Hunde, die mich bisher belästigt haben, konnte ich jeweils mit einem Trick loswerden. Die meisten Hunde sind hier offensichtlich negativ geprägt, was Steine anbelangt. Oft genügt daher bereits das blosse Antäuschen mit dem Arm, ihnen einen Stein nachzuwerfen, um sie zu vertreiben. Und dann habe ich auch noch meine Wanderstöcke mit den scharfen Spitzen. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein solcher Hirtenhund von Steinen und Stöcken allzu sehr beeindrucken lässt. Andererseits habe ich noch von keinem wirklich schweren Vorfall gehört und darauf vertraue ich.

 

Zu meiner Erleichterung sind dieses Mal keine Hunde dabei. Doch die Ziegen selber erweisen sich als ziemlich frech. Sie beginnen mein Zelt anzuknabbern und so muss ich sie mit den Wanderstöcken von meinen Sachen fernhalten.

 

Die Wolken am Himmel verdichten sich. Ich koche ein Reisgericht und ziehe mich ins Zelt zurück. Mittlerweile setzt die Dunkelheit immer früher ein, bereits nach sieben. Im Licht der Taschenlampe studiere ich die Karte und Wegbeschreibungen für morgen und lese ein paar Seiten. Die Stille draussen wird nur von Hundegebell von oberhalb durchbrochen. Ich mache mindestens drei Hunde aus. Ich werde diese morgen passieren müssen. Dann setzt leichter Regen ein. Ich beschliesse, dies die Sorgen von morgen sein zu lassen und schlafe bald ein.

Tag 28, Samstag, 26. September 2009

Alakilise / Sahin Tepe

Nach einer langen Nacht stehe ich noch vor dem Morgengrauen, welches mittlerweile auch merklich später einsetzt auf, breche das Lager ab und frühstücke. Der Himmel ist zwar noch bedeckt doch der Regen ist vorerst vorbei. Die Hunde bellen hingegen noch immer. Ich breche auf und schon nach wenigen hundert Metern erblicke ich die Tiere. Da der Wind talwärts bläst, haben sie mich noch nicht gewittert, zwei von ihnen spielen vergnügt miteinander. Ein weiterer steht bei einer Hütte. Es bleibt mir nicht viel anderes übrig, als weiter dem Weg zu folgen, der genau an ihnen vorbeiführt. Dann bemerken sie mich und beginnen sofort auf mich zu zulaufen. Ich bleibe stehen, worauf sie ebenfalls verlangsamen, mich umrunden und sich hinter mich setzen. Zu meiner grossen Erleichterung sehe ich einen Mann bei einer weiter entfernten Hütte. Ich grüsse mit einem lauten „Merhaba“, er hebt jedoch nur die Hand, verschwindet in der Hütte und lässt mich mit den Hunden alleine. Ich kann es nicht fassen und gehe langsam aber bestimmt weiter auf dem Weg, die Stöcke möglichst ohne zu provozieren im Anschlag. Die Hunde folgen mir mit einigen Metern Abstand, mich scharf beobachtend, lautlos, dann wieder laut bellend. Es handelt sich eindeutig um die beschriebene Rasse, jedoch erscheinen mir die Tiere nicht ganz so gross zu sein. Schliesslich schaffe ich es, ihr Refugium zu verlassen und ihr Interesse an mir lässt nach. Am gewaltigen Anstieg von gut 1000 Höhenmetern, der sich vor mir auftut, werde ich mein überschüssiges Adrenalin zweifelsohne wieder abbauen können.

 

Etwas weiter oben begegne ich einer Hirtin. Sie redet wie von Sinnen auf mich ein, auf Türkisch, und macht dabei ein ernstes Gesicht. Ich verstehe kein Wort. Schliesslich ziehe ich weiter. Im Buch von Kate Clow steht, dass die Menschen hier in dieser herben Bergwelt „some of the nicest in Turkey“ seien. Kann ich aufgrund meiner gestrigen und heutigen Begegnungen so nicht bestätigen und definitiv nicht, nach den Erlebnissen von kommender Nacht.

 

Der Anstieg ist sehr steil und schwer und geht durch tiefgrüne Nadelwälder. Die Temperatur in der Höhe ist angenehm und wird heute den ganzen Tag 24 Grad Celsius nicht übersteigen. Gegen Mittag erreiche ich den höchsten Punkt auf knapp über 1800 Metern über Meer. Zisternen sind tatsächlich Treffpunkte. Als ich Wasser aufbereite, kommen vier Kühe mit einem Kalb herbeigeeilt. Sie sind wirklich durstig. Unentwegt ziehe ich Wasser hoch und giesse es in ihre Tränke. Nach einer halben Stunde bin ich langsam müde und hoffe, dass ihr grösster Durst gestillt ist.  

 

Ich passiere den Bergkamm und gehe in stetem Auf und Ab weiter südostwärts. Ganz plötzlich eröffnet sich ein spektakulärer Blick über die grosse Ebene, erschaffen vom Alakir Cay. Der Wind trägt den Zivilisationslärm die über 1500 Höhenmeter hinauf, was mich aus der zeitlosen Bergwelt in die Gegenwart holt. Vor mir liegt der weitere Verlauf des Lykischen Wegs ausgebreitet: Die Städte Finike und Kumluca in der Ebene, die über dreissig Kilometer lange Küstenlinie, weit hinten im Südosten das Kap Gelidonia, von wo aus die Küste nordwärts Richtung Antalya verläuft und schliesslich weit im Osten, gerade noch im Dunst auszumachen, der Tahtali Dag, mit 2365 Metern das Dach und die Härtprüfung auf dem Lykischen Weg.

 

Später erreiche ich eine weit zerstreute, verlassen dreinschauende Ansammlung von Alphütten. Das breite Vordach einer solchen erscheint mir als ideales Nachtquartier angesichts der sich nahe auftürmenden Gewitterwolken. Speziell über dem Tahtali, weit entfernt, erhebt sich ein riesiger Wolkenpilz in den Himmel empor. Der Berg ist bekannt dafür, Wolken anzuziehen wie Licht die Motten. So werde ich ihn über die nächsten Tage beobachten und hoffen, einen guten Zeitpunkt für die Besteigung zu finden. Zwei Männer kommen auf mich zu. Sie scheinen Land zu vermessen. Ich frage, ob es in Ordnung geht, wenn ich hier bleibe. Kein Problem, der eine spendiert mir sogar noch eine volle Wasserflasche. Sie offerieren mir auch, mit ihnen nach Finike zu fahren, doch ich lehne dankend ab. Von einer Hütte weiter oben dringt Lärm zu mir herüber, ich bin also doch nicht ganz alleine hier oben. Ich koche Pasta mit Thunfisch und krieche mit der hereinbrechenden Dunkelheit in den Schlafsack.

 

Genau um Mitternacht schrecke ich aus dem Schlaf. Noch weiss ich nicht, was mich geweckt hat. Von weiter oben kommt ein Fahrzeug auf der Schotterpiste näher. Die Reifen knirschen auf dem Kies und die Scheinwerfer leuchten die Strasse aus. Dann blitzt ein schwaches Licht am Fahrzeug auf, gefolgt von einem Knall - Mündungsfeuer. Spätestens jetzt geht mir die Schiesswut dieser Leute definitiv auf die Nerven. Die Strasse führt nur wenige Meter an „meiner“ Hütte vorbei und ich bin nur durch ein Lattengeländer geschützt. Rasch lege ich den Rucksack noch zwischen mich und die Strasse, man weiss ja nie, was die Kerle vorhaben. Richtig ungemütlich wird es aber erst, als der Wagen ganz nah anhält. Autotüren werden geöffnet. Ich verharre still liegend auf dem Holzboden der Veranda. Nichts passiert. Irgendwann fährt das Auto weiter, kommt später nochmals zurück, vielleicht ist es auch ein anderes, gelegentliches Schiessen und dann kehrt wieder Ruhe ein auf „meiner“ Alp. Ohne weitere „Alpträume“ schlafe ich den Rest der Nacht friedlich durch.

Tag 29, Sonntag, 27. September 2009

Sahin Tepe / Finike

Vor Sonnenaufgang stehe ich auf. Selbst hier auf knapp 1500 Metern über Meer ist die Temperatur während der Nacht in meiner windgeschützten Ecke nicht unter 14° Celsius gefallen. Heute muss ich die ganzen Höhenmeter der beiden Vortage wieder abbauen. Ich mache mich also auf den Weg, welcher immer wieder schöne Ausblicke Richtung Westen bietet. Diese sind wie Blicke in die nahe Vergangenheit, sehe ich doch die ganze Wegstrecke der vergangenen Woche unter mir ausgebreitet, sich am Horizont verlierend. Später quert er dunkle Wälder, die im goldenen Morgenlicht mystisch wirken. Wieder treffe ich auf eine Ziegenherde. Keine Ahnung welcher Rasse diese Tiere angehören aber sie sind unglaublich gross, wie kleine spiralgehörnte Kühe. Sie richten sich auf und fressen den Bäumen die Blätter noch auf fast drei Metern Höhe weg.

 

Am späten Vormittag erreiche ich Belos, eine antike Lykiersiedlung, sehr romantisch und verlassen auf einer bewaldeten Bergkuppe gelegen. Für mich eine der schönsten antiken Stätte am Lykischen Weg. Ich erkunde die Ruinen und geniesse die tolle Aussicht nach Süden auf das Meer hinaus. Ein Hirte bewacht seine in der Nähe weidenden Tiere.

 

Später auf der Waldstrasse überholen mich wenige Autos. Ich werde entweder gefragt, ob ich mitfahren möchte oder aber man schaut mich schräg an. Insgesamt war die autofahrende Bevölkerung oft zuvorkommend, doch leider musste ich auch wenige negative Erfahrungen machen. Während es bei uns in Anbetracht des Klimawandels, des dichten Angebots an öffentlichen Verkehrsmitteln und im Zeitalter von Carsharing salonfähig und Ausdruck eines reflektieren Lebensstils ist, kein Auto zu besitzen (bspw. besitzen 50% der Haushalte im Stadtkanton Basel kein eigenes Fahrzeug), scheint es in den Augen mancher Türken offensichtlich das höchste Ziel zu sein, ein solches sein Eigen zu nennen. Ohne Auto bewegen sich höchstens Kinder oder Alte fort. Folglich müssen Männer, die mit Rucksack durch die Gegend laufen, auf der Verliererseite stehen und bestenfalls ignoriert werden oder aber mit riskanten Fahrmanövern erschreckt und mit Hupen, Hohn und eindeutigen Handzeichen bedacht werden.

 

Es wird Mittag und ich nähere mich Meereshöhe. Es ist wieder sehr heiss. Ein ausgetrocknetes Flussbett dient als Weg und schon bald sind die ersten Häuser von Finike auszumachen. Mit müden Beinen vom langen Abstieg setze ich mich bei einer Moschee in den Schatten und trinke Wasser. Sofort bin ich von Kindern umringt, die mich auf Englisch nach meinem Namen fragen, jedes mindestens dreimal. Finike macht einen recht sympathischen Eindruck, ganz anders als Demre scheint man hier mehr Wert auf ein gepflegtes Stadtbild zu legen. Ich quartiere mich in der Paris Pension ein (Guter Service, Zimmer etwas ungemütlich, Preis-Leistung aber sehr gut). Die nette Besitzerin bietet mir an, meine Wäsche zu waschen. Im Gespräch stellt sich heraus, dass sowohl die beiden Israeli als auch Elisabeth Bitter letzte Nacht hier waren.

 

Ich gehe auf Erkundungstour durch das Städtchen und gehe wenige Kilometer dem Strand entlang, wo auch der Lykische Weg weiterführt. Dabei entscheide ich, es vielen Vorwanderern gleichzutun und die nächste Etappe mit dem Bus zu bewältigen. Um die grosse Ebene zu überqueren, muss man tatsächlich über weite Strecken der Schnellstrasse durch zersiedeltes, industriell oder landwirtschaftlich genutztes Gebiet folgen. Es ist Sonntagnachmittag und überall sitzen türkische Familien beim Picknick oder baden im Meer. An einem Stand kaufe ich frisch gepressten Granatapfelsaft - ein herrliches Getränk. Am Abend serviert mir die Pensionsbesitzerin frischen Fisch.

Tag 30, Montag, 28. September 2009

Finike / Kumluca / Karaöz / Lighthouse

Das Frühstück geniesse ich auf der luftigen Terrasse hoch über der Stadt. Von hier habe ich einen tollen Blick auf die über 3000 Meter hohen Gipfel des zentralen Taurusgebirges, welches sich wie eine gewaltige weisse Mauer im Norden erhebt. Ob man da oben wohl auch wandern kann? Die Besitzerin leistet mir Gesellschaft. Sie lässt keine Gelegenheit aus, ihre veritablen Englischkenntnisse auszutesten. Ihr Mann und ihr Sohn seien zu faul, um Englisch zu lernen. So sei es halt an ihr, jeweils über die Wintermonate einen Englischkurs zu besuchen. Sie gibt mir noch ein Glas mit selbst eingelegten Orangen mit auf den Weg, eine Spezialität dieses grossen Anbaugebiets für Zitrusfrüchte. Nachdem ich bei der Post eine Telefonkarte und bei der Bank Lira besorgt habe, begebe ich mich zum Busterminal.

 

Via Kumluca, einer mittelgrossen Stadt, erreiche ich am frühen Nachmittag auf einigen Umwegen Karaöz, eine Wochenendhaus-Siedlung am östlichen Ende der grossen Ebene, welche folglich unter der Woche ziemlich verlassen wirkt. Über das leuchtend blaue Meer blickend sehe ich das Kap Gelidonia, mein heutiges Tagesziel. Vor dem Teehaus spielen die Alten „Okey“, das türkische Rummykub, welches neben Backgammon hier Nationalspiel ist.

 

Ich wandere auf einer nahezu unbefahrenen Staupiste der Küste entlang südwärts. Wie angekündigt treffe ich nach einigen Kilometern auf eine Wasserstelle, die sich in Form eines aus dem Boden wachsenden Wasserhahnens materialisiert - wie praktisch. Ich fülle ein paar Liter ab und trinke wie immer bei solchen Gelegenheiten soviel wie nur möglich. Bis Adrasan, welches ich morgen erreichen werde, gibt es kein Wasser mehr. Mit schwerem Rucksack steige ich auf schmalen Pfaden durch dichten Wald zum Lighthouse, dem Leuchtturm, empor, einem Wendepunkt auf dem Lykischen Weg, denn hier wechselt die allgemeine Richtung von Ost nach Nord. Hier beginnt auch das Naturschutzgebiet von Olympos, welches sich über weite Gebiete westlich von Antalya entlang der Küste erstreckt. Freudig nehme ich das Jagdverbotsschild zur Kenntnis, glaube allerdings nicht fest daran, dass es sehr ernst genommen wird, worauf auch weiterhin verstreute Schrothülsen hindeuten.

 

Die hiesige Bevölkerung hätte so ihren ganz eigenen Umgang mit Geboten und Verboten. So erzählte mir ein türkischer Deutschlandrückkehrer folgende Parabel über seine Landsleute: Auf einem sinkenden Schiff sind amerikanische, englische und türkische Staatsangehörige. Der Kapitän fordert alle Passagiere auf, das Schiff zu verlassen als einzige Chance den Untergang zu überleben, doch niemand folgt seinem Aufruf. Er überlässt es seinem ersten Offizier die Leute zu überzeugen. Wenig später sind alle von Bord gegangen. Wie er das so rasch hinbekommen habe, wollte der Kapitän wissen. Es war einfach: Den Amerikanern habe er gesagt, Meerwasser sei gesund, da seien sie gesprungen. Den Engländern habe er gesagt, es sei doch ein herber Verlust, wenn Angehörige eines derart noblen Volkes ertränken und auch sie sind gesprungen. Den Türken schliesslich habe er einfach nur gesagt, es sei verboten ins Wasser zu springen und alle waren fort.   

 

Ich bin schon sehr gespannt auf den Leuchtturm, zumal dieser Ort von Vorwanderern als schönster Fleck vom gesamten Lykischen Weg bezeichnet wird und eine Übernachtung hier ein mystisches Abenteuer verspricht. Und tatsächlich, die Szenerie mit dem Turm, den Inseln vor dem Kap und den bewaldeten Hängen ist atemberaubend schön. Leider scheint das auch den ganzen Wochenendausflüglern nicht entgangen zu sein, welche diesen Ort offensichtlich rege als Picknickplatz benutzen, obwohl er nur über einen Fussmarsch erreicht werden kann. Als Folge davon ist das gesamte Areal über und über mit Abfall verschmutzt und man hat allen möglichen Dreck verbrannt. Das Ganze ekelt mich derart an, dass ich beschliesse, hier nicht zu zelten und weiter nordwärts zu gehen, obwohl die Nacht in ca. zwei Stunden hereinbrechen wird und ich nicht weiss, ob ich an den Hängen ein ebenes, felsenfreies Plätzchen für mein Zelt finden werde. Zuerst sieht es dann auch nicht danach aus, doch als ich über eine Kuppe steige, scheint der Wald weiter unten auf ebenerem Grund zu wachsen. Durch das Dickicht erkenne ich eine Lichtung, vielleicht fünfzig Meter abseits des Pfades. Ich räume ein paar Steine weg und stelle kurz vor dem Eindunkeln das Zelt auf. Auch hier ist die Mückenplage gross und ich esse einmal mehr im Zelt. Es ist absolut still und einsam hier. Nur der Wind rauscht mal nah mal fern in den Kronen der grossen Nadelbäume.

 

Mir fällt auf, dass, nachdem ich in den vergangenen Wochen immer nur sehr langsam, quasi im Schritttempo, vorangekommen bin, es heute durch die Busfahrt plötzlich unnatürlich schnell gegangen ist. Die Gegend diesseits der Ebene fühlt sich ganz anders an als noch gestern in den Bergen westlich der Ebene. Andererseits ist mir das auch ganz recht. Seit ich Kas vor acht Tagen verlassen habe, habe ich keinen vollständigen Ruhetag mehr eingelegt. Ich verspüre den Drang vorwärts zu kommen. Ich habe mir Cirali, zwei Tagesstrecken weiter nördlich, als nächstes Zwischenziel vorgenommen. Der Ort habe viel zu bieten und eine Ruhepause biete sich an. Dort kann ich dann auch in Ruhe entscheiden, wie ich meine Reise zu Ende bringen möchte und gegebenenfalls einen Rückflug buchen.

Tag 31, Dienstag, 29. September 2009

Lighthouse / Adrasan

Ich gehe früh los. Durch das Geäst sehe ich hinter der kleinen Insel Sulu Ada die Sonne aufgehen. Verzweifelt suche ich nach einer Waldlichtung, um diesen wohl schönsten Sonnenaufgang zu fotografieren. Der Lichtfall ist durch das Zusammenspiel von Insel, Wolken und Meer derart speziell, dass ich wohl jeden Fotowettbewerb zum Thema Sonnenaufgang gewinnen könnte, wenn mir dieses Bild gelänge. Leider verpasse ich den optimalen Zeitpunkt, aber die gemachten Bilder sind dennoch schön. 

 

Der Weg führt hoch oben entlang einer wilden einsamen Küste. Gegen Mittag erreiche ich Adrasan, ein kleiner Ferienort vor schöner Berg- und Waldkulisse. Doch irgendwie scheint er sein Potential nicht auszuschöpfen. Die Häuser, meist Pensionen, stehen teils wild verstreut, teils aufgereiht in der Gegend. Ein eigentliches Ortszentrum gibt es nicht. Ich suche ein einfaches Quartier (Simsek Pension, Preis-Leistung sehr gut) und verbringe den Nachmittag am Strand.

Tag 32, Mittwoch, 30. September 2009

Adrasan / Olympos / Cirali

Die heutige Etappe führt mich vorbei an leuchtenden Granatäpfelplantagen durch wilde Täler über einen 700 Meter hohen Pass nach dem antiken Olympos, der gleichnamigen Treehouse-Siedlung und Cirali. Landschaftlich ein weiterer Höhepunkt auf dem Lykischen Weg. Leider ist der Wald auf der Passhöhe bei einem Brand vor wenigen Jahren grossräumig zerstört und mittlerweile abgeholzt worden - ein trauriges Bild der Verwüstung. Das Zwischenziel vor Augen und getrieben von dunklen Wolken nehme ich den Pass im Sturm und fliege förmlich auf der anderen Seite Richtung Olympos herunter. Anstatt der veranschlagten achteinhalb Stunden erreiche ich Olympos bereits nach etwas mehr als fünf Stunden. Ich gehe wenige hundert Meter weiter entlang einem Bach durch ein kleines Tal und erreiche den einmalig schönen Strand von Olympos. Hier am südlichen Ende steigen die teils dunkel bewaldeten, teils felsigen Hänge steil empor, Vulkaninseln in der Südsee gleichend. Gegen Norden hin Richtung Cirali steigt das unmittelbare Hinterland sanfter an.

 

In Cirali, wenige hundert Meter weiter nördlich, suche ich nach einem Quartier. Erst scheint es, als könnte man hier nur exklusiv und teuer wohnen, doch dann finde ich eine sehr nette einfache Pension etwas weiter nördlich hinter dem Strand (Fehim Pension, schöne Zimmer, nette Besitzerfamilie, Preis-Leistung sehr gut). Cirali ist kein eigentlicher Ort, vielmehr eine Ansammlung von kleinen Pensionen und Restaurants, die sich in üppigen Gärten verstecken und sich auf diese Weise schön in die Landschaft einbetten. Hier gefällt es mir und ich beschliesse, drei oder vier Nächte zu bleiben.

Tag 33, Donnerstag, 1. Oktober 2009

Cirali

Nach elf Tagen ununterbrochenen Weiterziehens ist es ein gutes Gefühl, an diesem schönen Ort verweilen zu können. Ich geniesse ein ausgiebiges Frühstück im Garten, bade im Meer, spaziere am Strand und setze mich in ein Café, wo zu meinem Erstaunen Radio Swiss Jazz aus den Lautsprechern schallt. Von Cirali hat man einen schönen Blick auf den Tahtali, sozusagen das Ziel vor Augen.

 

Ich beschliesse in groben Zügen den weiteren Verlauf der Reise: Am Sonntag gemächlich Richtung Gipfel des Tahtali aufbrechen, wo ich meine Wanderung beenden möchte. Eigentlich verblieben dann nochmals vier Tagesetappen bis zum offiziellen Ziel des Lykischen Wegs bei Hisarcandir. Obwohl diese, wie sich auf der späteren Busfahrt nach Antalya herausstellen wird, landschaftlich reizvoll erscheinen, verspüre ich doch eine gewisse Sättigung und plane stattdessen ein paar Tage auf dem angeblich paradiesischen Sundance Camp in Tekirova auszuspannen, sowie Antalya zu besuchen. Auch meine ursprüngliche Idee, mit dem Bus nach Istanbul zu fahren, lasse ich fallen.

Tag 34 Freitag, 2. Oktober 2009

Cirali / Olympos

Nachdem ich gestern vergeblich versucht habe, bei airberlin.com einen Flug zu buchen, bin ich heute bei condor.de erfolgreicher. Die Online-Buchung bei airberlin ist fehlgeschlagen und ich wurde gebeten, deren Hotline anzurufen. Nachdem ich zwölf Euro in der Warteschleife verbraten habe, habe ich den Hörer genervt aufgelegt. Zu Hause klärt man für mich ab, dass, obwohl es in der Auswahl erscheint, airberlin offensichtlich keine One-way Flüge in die und von der Türkei verkauft. Dies aufgrund eines Spezialabkommens. So buche ich eben den etwas teureren und zeitlich ungünstigeren Flug (Start 6h15) am 13. Oktober von Antalya nach Basel mit Condor. Wie auch der Hinflug, welcher sehr pünktlich und komfortabel war, führt Sun Express den Flug durch. Allerdings erhalte ich keine Buchungsbestätigung wie angekündigt per e-Mail und abermals muss ich meine Leute zu Hause bemühen. Schliesslich klappt aber alles. Willkommen im Internet-Zeitalter, wo alles per Mausklick plus etliche Telefonanrufe möglich wird. Nachdem nun der weitere Verlauf und das Ende der Reise plötzlich feststehen, beschliesse ich, die verbleibenden zehn Tage nochmals intensiv zu geniessen.

 

Heute Abend besichtige ich das antike Olympos. Die Ruinen sind wunderschön in die Flusslandschaft am Ausgang des kleinen Tals gleich hinter dem Strand eingebettet.

 

Nach dem Dinner in einer Treehouse-Pension treffe ich Frank, ein Norddeutscher, Mitte vierzig, verheiratet und vier Kinder, der mit einer unterhaltsamen und zugleich irgendwie tragischen Geschichte aufwartet. Durch harte Arbeit als Techniker für eine grosse Schiffswerft finanziell gut betucht, hat er beschlossen, seinen Job vorerst an den Nagel zu hängen und hat mit seinem Arbeitgeber eine dreijährige Auszeit mit Wiederanstellungsgarantie und Möglichkeit auf Verlängerung für weitere drei Jahre vereinbart. Zu Hause dem Überdruss nahe, hat er ein Sparangebot für zwei Wochen Badeurlaub all-inclusive östlich von Antalya gebucht. Als diese beiden Wochen vorbei waren, hat er dem Reiseleiter gesagt, man müsse sich ab jetzt nicht mehr um ihn kümmern, er bleibe vorerst in der Türkei. Und so verbringt er nun schon einige Wochen hier an der Lykischen Küste und macht sich einen Sport daraus, jeden Tag mit möglichst wenig Geld durchzubringen.

Tag 35, Samstag, 3. Oktober 2009

Cirali / Tekirova

Hier in Cirali gabelt sich der Lykische Weg. Einerseits kann man die Route ins Landesinnere wählen, welche einen hoch zum Tahtali führt und welche ich morgen beschreiten werde. Andererseits kann man entlang der Küste weitergehen. Nach ungefähr drei Tagen treffen die beiden Routen wieder zusammen. Kurz entschlossen begebe ich mich heute auf eine Tageswanderung der Küstenroute entlang nach Tekirova im Norden. Landschaftlich ist dieser Küstenabschnitt sehr reizvoll. Aber zu glauben, dass der Weg hier leicht ist, ist eine Illusion. In permanentem Auf und Ab lege ich auch heute 1000 Höhenmeter zurück.

 

Unterwegs treffe ich ein deutsches Ehepaar, welches nach ihrer Pensionierung hier in die Türkei ausgewandert ist. Er erzählt mir über die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Wohnungsbau. So hat man beispielsweise beim Bau der Nachbarsiedlung einfach den Aushub und den Bauschutt bei ihnen vor dem Garten deponiert. Die Baufirma konnte erst durch einen gerichtlichen Beschluss dazu gebracht werden, diesen wegzuräumen. Andererseits schwärmt er ob der grossen Hilfsbereitschaft und dem Pragmatismus der Leute hier.

 

Kurz vor Tekirova stosse ich auf die ersten Anzeichen des Pauschaltourismus’: Ein riesiger Hotelkomplex in der Form einer überdimensionierten Moschee. Bald reihen sich weitere, nicht mehr ganz so imposante Luxushotels dicht an dicht. Ich bewege mich hin zum Strand und werde an einer geschlossenen Barriere aufgehalten. Der Wächter fragt mich, wo mein Armband sei. Ich erkläre ihm, dass ich auf dem Lykischen Weg wandere und hier auf der Durchreise bin. Er schaut mich an, als sei ich von einem anderen Stern und lässt mich schliesslich sichtlich verwirrt passieren. Am Strand reihen sich Urlauber auf Liegestühlen und überall stehen Wächter herum. Ich bahne mir meinen Weg ins Dorfzentrum, von wo ich den Bus zurück Richtung Cirali nehmen möchte. Die Sonne steht bereits tief, als ich diesen finde. Er fährt auf der Schnellstrasse und lässt mich an der Abzweigung nach Cirali raus. Von hier sind es immer noch sieben Kilometer und ich bin sehr froh, dass mich ein Türke, der heute Morgen in Istanbul losgefahren ist, mitnimmt und kurz vor dem Eindunkeln bei meiner Pension absetzt.

Tag 36, Sonntag, 4. Oktober 2009

Cirali / Yanartas

Den Tag verbringe ich am Strand, verlasse Cirali am späten Nachmittag und wandere hoch zu den ewigen Flammen der Chimaira oder Yanartas, wie die Türken sagen. Erdgasgespeist brennen diese schon seit der Antike und dienten einst den Seeleuten zur Orientierung. Bestimmt sehenswert, doch nicht ganz so eindrücklich, wie ich mir das vorgestellt habe.

 

Anschliessend gehe ich weiter zum zweiten, weiter oben gelegenen Flammenfeld, wo sich kaum Tagesausflügler hinbegeben und schlage das Nachtlager bei schöner Aussicht auf. Von Flammen ist hier nicht wirklich viel zu sehen, doch reichen sie, um mein Abendessen darüber zu kochen und mir an einem heissen Stein, den ich aufheben wollte, die Finger zu verbrennen. Tipp: Wenn die Flammen vom Wind ausgelöscht werden, kann man sie einfach mit einem Feuerzeug wieder anzünden. In der Dämmerung bekomme ich noch Besuch von einem Fuchs, die Flämmlein züngeln blau aus dem Boden und bereits steigt der Vollmond auf.

 

Ich kann jetzt bereits auf mehr als einen vollen Monat zurückblicken und die letzte Vollmondnacht bei Sidyma kommt mir wie eine Ewigkeit zurückliegend vor, so viel habe ich zwischenzeitlich erlebt. Ein wunderschönes Beispiel für Thomas Manns „Exkurs über den Zeitsinn“ in seinem Werk „Der Zauberberg“: Ist die Ereignisdichte hoch, erfährt man die Zeit des Erlebens in der Gegenwart als rasch verstreichend, wohingegen einem derselbe Zeitraum in der Erinnerung als gedehnt erscheint. Ist andererseits die Ereignisdichte gering oder geht man immer denselben Beschäftigungen nach, so hat man zuweilen das Gefühl, die Zeit schreitet kaum voran. In der Erinnerung jedoch bleiben wenn überhaupt nur wenige Bilder von diesem Zeitraum haften. Ist ein Tag wie jeder, so sind alle Tage wie einer.  

Tag 37, Montag, 5. Oktober 2009

Yanartas / Beycik

Der Morgen kommt in leuchtendem Rot. Nach einem kurzen Abstieg treffe ich auf schöne Badeplätze an einem Bach, doch ist mir in der Morgenfrische nicht nach Baden zu Mute. Der Weg beginnt nun endgültig Richtung Tahtali anzusteigen. Immer wieder eröffnen sich schöne Blicke. Es wiederholt sich dasselbe Wetterspiel, welches ich bereits über die letzten Tage beobachtet habe. Am Morgen präsentiert sich der Gipfel wolkenfrei und im Verlauf des Vormittags hüllen ihn dichte Wolken ein, welche sich gegen Abend jeweils wieder auflösen. Dies ist auch heute nicht anders. Als ich gegen die Mittagszeit in Beycik ankomme, ein kleines Dorf, welches auf 800 Metern direkt am Fusse des Berges liegt, beginnt es zu regnen. Ich beschliesse, hier ein Quartier zu suchen. Die Auswahl ist klein und die beiden Pensionen sind zwar sehr schön, jedoch mit 50-70 Euro auch vergleichsweise teuer. Ich begebe mich erstmal zum Dorfladen, wo mir von der netten Besitzerin ein Cay serviert wird. Dabei löst sich mein Quartierproblem als ich Minerva treffe, eine Deutschlandrückkehrerin, welche Privatzimmer vermietet. Der Regen ist mittlerweile zu einem Gewittersturm geworden, welcher sich nicht an die “Regel” hält und die halbe Nacht durch tobt. So verbringe ich den Nachmittag mit Nichtstun und gehe nach einem leckeren hausgemachten Abendessen früh schlafen.

Tag 38, Dienstag, 6. Oktober 2009

Beycik / Tahtali Gipfel / Tekirova (Sundance Camp)

Herrliches Wetter erwartet mich heute Morgen. Da ich davon ausgehe, dass der Gipfel bald wieder wolkenverhangen sein wird, nehme ich mir heute lediglich den Sattel auf 1800 Metern über Meer vor. Von dort aus kann ich dann morgen in den klaren Morgenstunden die verbleibenden 600 Meter hoch zum Gipfel steigen. Nach einem ausgiebigen Frühstück verabschiede ich mich von Minerva. Beim Dorfladen treffe ich auf zwei junge Wanderer wiederum aus Israel, die gerade Bier zum Frühstück trinken. Sie haben den gleichen Weg und wir beschliessen, ein Stück gemeinsam zu gehen. Unterwegs passieren wir ein paradiesisches Plätzchen, wo auch zwei nette Jäger eine Pause einlegen. Es ist mittlerweile Mittag geworden und von Wolken keine Spur. Das Gewitter scheint reinigend gewirkt zu haben. Kurzfristig entschliesse ich mich, bereits heute den Gipfel zu erklimmen. Die beiden Jungs können allerdings nicht Schritt halten und so verabschiede ich mich von ihnen.

 

Je weiter ich hochsteige, umso bizarrer und schöner wird die Landschaft, vollkommen einsam. Immer wieder treffe ich auf tote Baumriesen, die sich weiss leuchtend gegen den tiefblauen Himmel abzeichnen. Endlich erreiche ich den Pass und bereue es bereits ein wenig, hier oben in dieser herrlichen Bergwelt nicht das Zelt aufzuschlagen.

 

Mit dem Pass ist auch die Baumgrenze erreicht, erstaunlicherweise auf gleicher Höhe wie bei uns in den Alpen. Nach Osten schauend blicke ich auf eine karge und steinige Kuppe hoch. Quer darüber verläuft ein ansteigender Pfad. Ich steige über das Geröll, bis ich den Pfad erreiche, welcher aus der Nähe betrachtet kaum noch auszumachen ist. Die Sonne brennt stark doch die Luft ist angenehm kühl. Ich passiere die 2000 Meter Grenze und erreiche auf einem weiteren, technisch unschwierigen aber konditionell fordernden Wegstück einen Kamm. Vor mir liegt eine Steinwüste, aus der sich, entgegen dem Eindruck, den man beim Anblick von unten erhält, mehrere Kuppen erheben. Auf der höchsten, am weitesten entfernten Kuppe kann ich ein Gebäude ausmachen, die Bergstation der Seilbahn. Sonne und Wolken tauchen die Szenerie in ein rasch wechselndes Licht- und Schattenmuster. Der weitere Weg führt über Geröll und Gegensteigungen beschwerlich dem Gipfel entgegen. Links und rechts öffnen sich immer wieder tiefe Einschnitte durch welche ich schöne Ausblicke auf die Küste und das Hinterland erhaschen kann.

 

Schliesslich erreiche ich den eigentlichen Gipfel des Tahtali und damit das Ziel meiner Wanderung. Der Rundumblick ist einmalig. Die Sicht reicht trotz etwas Dunst und Smog in der Ferne bis Antalya im Norden und Finike im Südwesten. Im Westen sieht man wieder den weiss schimmernden Gebirgszug des Taurus‘ mit dem Kizlar Sivrisi Tepe, mit 3086 Metern die höchste Erhebung Westanatoliens. Nur im Osten der Türkei findet man höhere Berge, allen voran der Berg Ararat mit über 5000 Metern.

 

Allerdings wechselt die Stimmung schlagartig. War ich eben noch einsam in einer scheinbar unberührten Bergwelt unterwegs, bin ich nun umgeben von unzähligen Tagesausflüglern in Strandschuhen und Trainerjacken. Doch hat die kontroverse Erschliessung des Bergs auch seine guten Seiten. So ist es schon ziemlich bequem, die 2365 Höhenmeter nicht mit dem schweren Gepäck über das lose Geröll runtergehen zu müssen. Also begebe ich mich in das Gebäude, erstehe ein Ticket und trete in die Gondel. Zuvor organisiert mir ein freundlicher und interessierter Seilbahnangestellter eine Mitfahrgelegenheit von der Talstation bis nach Tekirova. Die Seilbahn, das Projekt eines Tschechen, besteht aus modernster Schweizer Technik und wird seit der Eröffnung 2007 auch im Wesentlichen von Schweizern betrieben. Sie gilt als längste Seilbahn ohne Zwischenstation Europas. Die Höhendifferenz von über 1600 Metern wird in wenig mehr als zehn Minuten überwunden, schier unglaublich, wenn man noch die Anstrengung des stundenlangen Aufstiegs im Körper spürt.

 

Unten angekommen steige ich in den bereitstehenden Bus, welcher mich und etliche weitere Bergfahrer nach Tekirova bringt und diese auf ihre Hotels verteilt. Ich steige im Zentrum aus und nehme die paar Kilometer Fussmarsch bis zum Sundance Camp in Angriff. Kurz vor dem Eindunkeln erreiche ich diesen. Die Betreiberin erläutert mir, dass hier diese Woche ein internationales Jonglierfestival stattfindet und ich einen Festivaleintritt bezahlen müsse. Da ich wenig Lust auf Trubel verspüre, vereinbare ich mit ihr, dass ich vorerst nur eine Nacht bleibe und dann weiterschaue. Doch meine Bedenken sind unbegründet. Ich finde ein ruhiges Plätzchen für mein Zelt in einem kleinen Waldstück und es herrscht eine friedliche Stimmung unter den vielen jungen Menschen. Nach einem guten Nachtessen geniesse ich noch meinen ersten und wohlverdienten Raki (türkischer Ouzo, darf man aber so natürlich nicht sagen) an der Bar.

Tag 39, Mittwoch, 7. Oktober 2009

Tekirova (Sundance Camp)

Der Sundance Camp ist wirklich ein wunderschönes Fleckchen Erde und bei Wanderern beliebt, um sich nach den Strapazen des Lykischen Wegs zu erholen. Fernab der Hotelburgen in einer kleinen Bucht gelegen, scheinen die Besitzer, Angestellten und sogar ein Teil der (Stamm-) Gäste aus der internationalen Travellergemeinde in einer Art Kommune zusammenzuleben, was mich immer wieder an den Film „The Beach“ erinnert. Die Gäste und Festivalteilnehmer kommen vorwiegend aus den grösseren Städten der Türkei, viele mit akademischem Hintergrund oder aus der Künstlerszene. So treffe ich beispielsweise Mehmet, ein selbständiger Unternehmensberater in den Mittvierzigern, der mir das Spiel Backgammon beibringt. Ich beschliesse, ein paar weitere Tage hier zu verbringen und registriere mich doch noch als offizieller Festivalteilnehmer, obwohl ich gerade mal mit drei Bällen halbwegs jonglieren kann.

Tag 40, Donnerstag, 8. Oktober 2009

Tekirova (Sundance Camp) / Ausflug Tahtali

Unerwartet komme ich heute nochmals auf den Tahtali. Die Festivalleitung hat mit der Seilbahngesellschaft ein Pauschal-Arrangement für sämtliche Teilnehmer ausgehandelt.

Me on Tahtali
Me on Tahtali

Tag 41, Freitag, 9. Oktober 2009

Tekirova (Sundance Camp)

Heute ist der letzte Strandtag. Ich treffe André, ein junger Deutscher, der nach einer abgeschlossenen Grafikerlehre entschieden hat, als Nomade durch die Welt zu ziehen. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Musizieren in den Städten, „Zwischendurch kurz nach Babylon gehen“, wie er sich ausdrückt. Seit einem missglückten Klippensprung vor ein paar Tagen schmerzt ihn der Rücken. Auch sieht er generell etwas abgemagert aus. Ich spendiere ihm ein Bier und schenke ihm meine fast volle Campinggas-Kartusche, die ich eh am Flughafen lassen müsste. Am Abend findet eine eindrückliche Feuershow statt, bei der die Artisten mit brennenden Keulen, Stäben und Ketten die Nacht erhellen.

Tag 42, Samstag, 10. Oktober 2009

Tekirova (Sundance Camp) / Antalya

Beim Zusammenpacken muss ich feststellen, dass eines der auf dem Campingplatz herumstreunenden Tiere offenbar mein Zelt als sein Revier beansprucht. Jedenfalls hat ein Hund oder eine Katze genau zwischen Aussen- und Innenzelt und sogar auf meinen edlen Daunenschlafsack markiert. Diesen werde ich durch Waschen zu Hause wieder geruchsneutral bekommen, doch das Zelt leider nicht. Auch gibt es angeblich immer wieder Zwischenfälle mit einem der Hunde. Es wurden auch schon Leute gebissen. Schliesslich bezahle ich die Rechnung, welche für einen Campingplatz eigentlich ziemlich gesalzen ist. Doch ich werde diesen traumhaften Ort in guter Erinnerung behalten und gerne wieder zurückkehren.

 

Mitte Nachmittag ziehe ich zusammen mit Claudia und Tobias, einem netten sportlichen Ehepaar aus Deutschland, das ebenfalls auf dem Lykischen Weg unterwegs war und ein paar Tage auf dem Sundance Camp verbrache, los Richtung Schnellstrasse. Dort besteigen wir den Bus und erreichen den Otogar in Antalya nach ca. eineinhalbstündiger Fahrt. Der Stadtbus bringt uns nach Kaleici, der Altstadt von Antalya. Die beiden kennen sich von einem früheren Besuch bereits bestens aus und führen mich zielstrebig durch die Altstadt. Einer Empfehlung folgend quartiere ich mich für die verbleibenden drei Nächte in der Pension Sibel ein (mitten in der Altstadt, nette französische Besitzerin, schöne Zimmer, Preis-Leistung sehr gut). Danach laden mich Claudia und Tobias zum Nachtessen ein und wir verbringen einen sehr schönen Abend. Ihr Flug geht morgen früh und wir verabschieden uns.

Tag 43, Sonntag, 11. Oktober 2009

Antalya

Nach einem Frühstück im gemütlichen Innenhof mache ich mich auf, die Stadt zu erkunden. Ich muss mir eingestehen, dass ich völlig die Orientierung verloren habe, seit ich gestern Abend in dieses herrliche Gassengewirr eingedrungen bin. Nach ein paar Stunden gewinne ich langsam an Überblick, bin jedoch überzeugt, dass man hier selbst nach einer Woche immer wieder neue Winkel und Durchgänge entdecken kann. Nachdem ich den Hafen besucht und die ersten Souvenirs ausgewählt habe, Cay-Gläser und Kleider (die Türkei ist ein Paradies für günstige, nicht immer originale Markenkleider), verlasse ich die Altstadt. Hier präsentiert sich Antalya, welches weit über eine Million Einwohner zählt, als moderne Grossstadt.

 

Leider erleidet der dringend benötigte öffentliche Verkehr einen Dämpfer. Eine neue Strassenbahnlinie, die den Otogar mit dem Stadtzentrum und später mit dem Airport verbindet, soll demnächst eröffnet werden. Eifrig sind die Trams auf Probefahrten unterwegs. Dabei wird eines im Verkehrschaos von einem Bus seitlich gerammt und springt aus den Schienen. Per Zufall laufe ich gerade an die Unfallstelle heran. 

 

Ein Erlebnis erfreulicherer Art möchte ich mir nicht entgehen lassen und so besuche ich einen türkischen Kuaför. Einen derart guten Service habe ich selten genossen. Der junge Meister werkt fast eine Stunde an meinem Kopf herum: Haare schneiden, rasieren mit richtiger Klinge, Kopf waschen, Nacken-, Kopf- und Gesichtsmassage, Frisieren. Das Resultat kann sich sehen lassen und kostet unglaubliche drei Euro. Ich gebe ihm gleich nochmals diesen Betrag als Trinkgeld und die Freude ist auf beiden Seiten gross. 

 

Schliesslich schlendere ich entlang der Promenade zurück Richtung Altstadt und halte die schöne Abendstimmung mit meiner Kamera fest. Die Stadt ist unglaublich schön in die Bergkulisse eingebettet. Heute Abend gönne ich mir ein Nachtessen im Restaurant Alp Pasa, einer renommierten Adresse hier am Ort. Das Hotel und Restaurant ist in einem renovierten osmanischen Haus untergebracht und verströmt sehr stilvolles Ambiente. Mittlerweile an die herzhafte Landküche gewöhnt, schmeckt das Essen hier allerdings eher konventionell europäisch.

Tag 44, Montag, 12. Oktober 2009

Antalya

Mein letzter Tag in der Türkei. Auf dem Programm steht noch einiges. Zuviel für einen Tag und so muss ich leider priorisieren und entscheide, den bestimmt lohnenswerten Besuch im archäologischen Museum auszulassen. Stattdessen mache einen Spaziergang zum schönen westlichen Stadtstrand Konyaalti. Die Atmosphäre hier ist seltsam, zumal der Strand und die dahinter liegende Promenade mit den Strandclubs eine immense Kapazität bieten, aber kaum Leute anzutreffen sind. Es herrscht Endzeitstimmung, aussen wie innen. Nach einem letzten Bad im Meer besorge ich noch die verbleibenden Souvenirs. Dabei fällt mir auf, dass viele der Betreiber vor allem in Deutschland gelebt haben und jetzt ihre Sprachkenntnisse und ihr Verständnis für die Kultur gewinnbringend für das Geschäft mit den Touristen einsetzen. Doch häufig beklagen sie auch, dass sie durch das Aufwachsen oder den langen Aufenthalt in der Fremde weder hier noch da vollständig integriert sind und tendenziell eher wieder zurück nach Deutschland möchten.

 

Gegen Abend besuche ich ein traditionsreiches türkisches Bad, einen Hamam. Dort werde ich zuerst im Dampf aufgeweicht, danach wird mir bei einer Seifenmassage der Staub der letzten Wochen runtergeschrubbt und schliesslich werden bei einer Ölmassage die letzten Verspannungen gelöst. Ich fühle mich wie neu geboren.

 

Zurück in der Pension informiert mich die Besitzerin, dass zwei andere Gäste ebenfalls morgen früh fliegen und ein Taxi auf drei Uhr bestellt sei. Ich könne mich ihnen anschliessen. Zwar ist das etwa eine Stunde früher als nötig, doch können wir so die Kosten teilen. Schliesslich packe ich alles zusammen und lege mich angesichts der kurzen Nacht bald aufs Ohr.

Tag 45, Dienstag, 13. Oktober 2009

Antalya / Basel

Der Tag beginnt leicht hektisch. Ich begebe mich um 2h50 in die Lobby und höre gerade noch, wie die Haustüre zufällt und ein Auto davon fährt. Offensichtlich war da jemand doch nicht informiert. Somit bin ich eine Stunde zu früh aufgestanden und darf erst noch den vollen Fahrpreis bezahlen. Zudem muss ich mir jetzt schleunigst ein Taxi organisieren. Also begebe ich mich ohne Gepäck aus der Altstadt und werde bereits nach kurzem Suchen fündig. Der Fahrer wartet, während ich mein Gepäck hole. Von da ab klappt die Heimreise reibungslos und schon nach wenigen Stunden sitze ich im Flugzeug und fliege der aufgehenden Sonne Richtung Westen davon. Pünktlich lande ich nach 9 Uhr in Basel und werde vom Wetter eisig und von den Verwandten warm begrüsst.

Strike for Home
Strike for Home

Epilog

Diese 45 Tage in der Ferne war sie also, die Realität gewordene, lang ersehnte Abenteuerreise. Ob sie meinen Erwartungen entsprochen habe, wurde ich gelegentlich seit meiner Rückkehr gefragt. Erwartungen haben die Bewandtnis, dass sie öfter enttäuscht als erfüllt oder gar übertroffen werden und - viel entscheidender -  dass sie einem die Fähigkeit verschliessen, sich offen auf Situationen einzustellen. So habe ich im Vorfeld bewusst versucht, möglichst keine fixen Erwartungen an diese Zeit zu stellen. Selbstverständlich liess es sich aber nicht vermeiden, dass bei den Vorbereitungen und beim Studium von Karten und Erfahrungsberichten Bilder entstanden. Es waren vor allem Bilder von Landschaften, Bergen, Wäldern, Meer, Stränden, von Ursprünglichkeit und Exotik, von interessanten Begegnungen und von Abenteuer und Freiheit. Bei genauerem Hinsehen aber auch von Gefahren und Strapazen. Das Vorstellungsvermögen neigt bekanntlich oft dazu, bevorstehende Ereignisse wie auch Erinnerungen als stark vereinfacht und mit realitätsferner Stringenz darzustellen. Umso berauschender war es dann, als ich viele dieser Bilder, wenn auch nicht genau gleich, tatsächlich auf der Reise vorgefunden habe und darüber hinaus noch viel mehr meist Positives erleben durfte. Vor diesem Hintergrund bin ich mehr als zufrieden mit dem Erlebten und Erreichten und es bleibt die Gewissheit, dass es nicht die letzte Reise gewesen ist.